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Philosophie & Wissenschaft

Geist über Materie? (1/4) 
Das Konzept des Idealismus: Geist über Materie


Warum Geist als fundamentale Substanz allen Seins plausibler scheint als Materie


1) Was ist der Ursprung allen Seins: Geist oder Materie?

In der Philosophie gibt es zwei widerstreitende Auffassungen darüber, woraus das Universum und wir Menschen im Kern bestehen:

Sogenannte Materialisten behaupten wie die Naturwissenschaftler, der Ursprung allen Seins liege in der Materie. Demnach ist Materie die grundlegende Substanz, aus der alles andere hervorgeht. Auch Gefühle und Gedanken sind nach dieser Auffassung nichts weiter als materielle Phänomene. Sie sind das Resultat biochemischer und bioelektrischer Vorgänge in unserem materiellen Körper, allen voran in unserem Gehirn. Ein vom Gehirn unabhängiges Bewusstsein oder eine Seele, die nach unserem Tod in den „Himmel“ steigt, kann es in dieser philosophischen Weltsicht nicht geben.

Die Idee eines Weiterlebens im Jenseits zeugt laut Materialismus von unserem menschlichen Wunschdenken. Karl Marx, einer der berühmtesten Materialisten der Philosophiegeschichte, prägte vor diesem Hintergrund das weltbekannte Zitat von der Religion als „Opium des Volks“: Naive Menschen bekämpften den Schmerz über ihr diesseitiges Elend und ihre Angst vor dem Tod, indem sie Trost in erfundenen Erlösungsgeschichten suchten. Sinnvoller wäre es stattdessen, würde die Menschheit ihr diesseitiges Schicksal aktiv in die Hand nehmen, um gesellschaftliche Missstände durch eine Veränderung historisch gewachsener Machtstrukturen zu beseitigen.

Die philosophischen Gegenspieler der Materialisten sind die Idealisten. Diese gehen von der Annahme aus, dass nicht Materie, sondern Geist die fundamentale Substanz allen Seins darstellt. Materieteilchen sind in dieser Sichtweise gar keine selbständigen und erst recht keine ursprünglichen Bausteine des Universums. Stattdessen werden sie als Resultat geistiger Prozesse gedeutet. Konzepte, die von dieser Grundannahme ausgehen, firmieren unter dem Etikett „Idealismus“. Verwechseln Sie diesen philosophischen Fachbegriff bitte nicht mit dem Alltagsverständnis von ethischem Idealismus als Charaktereigenschaft, die sich durch das Streben nach edlen Zielen (Idealen) auszeichnet. Das ist hier nicht gemeint. In der Philosophie ist ein „Idealist“ bloß jemand, der den Urgrund allen Seins im Geist beziehungsweise im Bewusstsein verortet.

Eine Seele und ein Leben nach dem Tod rücken aus dieser Perspektive durchaus in den Bereich des Möglichen. Auch paranormale Phänomene lassen sich im Rahmen eines idealistischen Weltmodells prinzipiell erklären. Die Erklärungskraft des Idealismus ist darum eindeutig größer als diejenige des Materialismus. Der Idealismus kann nicht nur die normale Physik erklären, sondern zusätzlich auch all diejenigen Rätsel und Phänomene begreifbar machen, an denen der Materialismus bislang scheitert und die Sie in den Themenbereichen "Bewusstseinsforschung" und "Rätselhafte Anomalien" ausführlich dokumentiert finden (und die Sie bei Bedarf im Eigenexperiment überprüfen können - in den besagten Themenbereichen finden Sie bei manchen Phänomenen entsprechende Artikelseiten mit Tipps zur Überprüfung im Selbstexperiment).



2) Warum der Idealismus der Naturwissenschaft nicht widerspricht

Gemäß dem philosophischen „Idealismus“ bilden der Geist beziehungsweise das Bewusstsein die Grundsubstanz des gesamten Daseins.

Materie wird als daraus abgeleitet verstanden. Die hier gezeigte Abbildung verdeutlicht diesen einfachen Grundzusammenhang: Alles, was existiert, entspringt einer geistigen Quelle und würde ohne dieselbe nicht existieren. Unser Universum ist demnach nicht an sich da, sondern nur als ein Erzeugnis dieser geistigen Wirklichkeit. Denkbar wäre freilich, dass jener geistigen Wirklichkeit nicht nur unser physisches Universum entspringt, sondern viele weitere Universen – möglicherweise mit ganz anderen Gesetzen und Geschöpfen.

Materie ist dann keine Substanz, die einfach so aus dem Nichts entstanden ist und schon da war, bevor komplexere Organismen im Laufe Jahrmillionen andauernder Evolution ein Bewusstsein ausbildeten. In der idealistischen Philosophie verhält es sich genau umgekehrt: Geist beziehungsweise Bewusstsein waren schon immer da, während Materie aus eben jenem Geist beziehungsweise Bewusstsein erst hervorgegangen ist – sei es als Schöpfung, als Simulation, als Projektion oder wie auch immer.

Die Naturwissenschaft wird in dieser philosophischen Konzeption nicht übergangen, sondern lediglich in die Grenzen ihrer Zuständigkeit verwiesen: Ihr Geltungsbereich erstreckt sich auf das dreidimensionale und materielle Universum, das in der Abbildung schematisch durch die gestrichelte Linie unten umrahmt ist. In diesem materiellen Bereich dürfen sich die Physiker, Chemiker und Biologen sozusagen „austoben“: Sie dürfen messen und beschreiben, was immer sie dort vorfinden, und sie dürfen die Gesetzmäßigkeiten, die in diesem dreidimensionalen Raum walten, zu identifizieren versuchen. Je besser ihnen das gelingt, umso bessere Vorhersagen können sie formulieren und umso bessere technische Anwendungen können sie entwickeln. Das alles tun sie seit einigen Jahrzehnten und Jahrhunderten mit herausragendem Erfolg und es ist überhaupt nicht unsere Absicht, diese respektablen Leistungen auch nur im Geringsten zu schmälern. Im Gegenteil: Wir sind große Anhänger und Bewunderer der Wissenschaft! Dennoch muss man aus Sicht des Idealismus eines nüchtern feststellen: Physiker, Chemiker und Biologen kratzen mit ihrer hervorragenden Forschungsarbeit immer nur an der Oberfläche des Daseins. Denn das, was sich hinter dem Physischen verbirgt und das Physische erst erschafft, entzieht sich jeglicher Messbarkeit und objektiven Beweisführung (siehe hierzu unsere Artikelsammmung "Woher wissen wir, was wahr ist?"). Den Ursprung und den Zweck unseres Universums werden Naturwissenschaftler darum niemals erkennen können. Beides liegt laut Idealismus im metaphysischen Bereich, der in der Abbildung durch die obere Wolke dargestellt ist.

Geist und Bewusstsein lassen sich dem Idealismus zufolge auch dann nicht naturwissenschaftlich erfassen, wenn man mit noch so fortschrittlichen Methoden das menschliche Gehrin scannt. Man mag dabei allerlei Prozesse und Muster beobachten können, niemals aber das Bewusstsein an sich finden. Denn dieses befindet sich nach Überzeugung der Idealisten im metaphysischen Bereich und nicht im physischen Universum. 

Wenn Neurowissenschaftler im Gehirn nach dem Bewusstsein suchen, dann ist das in etwa so, als würden Techniker ein Radiogerät auseinanderbauen, um die Musik und die Stimmen ausfindig zu machen, die durch das Gerät erklingen. Dabei würden die Techniker verschiedenste elektronische Bausteine und sogar eine Lautsprechermembran entdecken. Doch die eigentliche Quelle der Musik, die würden sie nicht finden. Sie steckt nämlich gar nicht im Radiogerät selbst, sondern liegt außerhalb des Radios. Analog dazu befindet sich der Geist nach Ansicht des philosophischen Idealismus außerhalb des materiellen Körpers, wenngleich er natürlich mit ihm in Verbindung steht – ähnlich wie eine Sendequelle mit einem Radiogerät in Verbindung steht. 

3) Paranormale Phänomene aus Sicht des Idealismus 

Im philosophischen Konzept des Idealismus behält die Naturwissenschaft ihre volle Gültigkeit. 

Wie gezeigt erstreckt sich diese allerdings allein auf das physische Universum. Die unbewiesenen metaphysischen Behauptungen der Naturwissenschaft in Bezug auf die Entstehung und den Sinn des Universums bestreitet der Idealismus. Mit dem Konzept einer Schöpfung, Simulation oder Projektion aus einer geistigen Hintergrundrealität heraus bietet er eine alternative Erklärung an. Diese stellt zugleich einen Deutungsrahmen bereit, innerhalb dessen paranormale Phänomene schlüssig erklärt werden können.

Wenn wir mit dem Idealismus davon ausgehen, dass Bewusstsein unabhängig von Materie aus sich selbst heraus existiert, sind beispielsweise Nahtoderfahrungen, das „Sehen ohne Augen“ oder Jenseitskontakte alles andere als gruselige Kuriositäten. Denn wenn Bewusstsein als fundamentale Substanz nicht auf Materie angewiesen ist, dann wird dieses Bewusstsein das Absterben eines materiellen Köpers überdauern. Es mag dann zwar nicht mehr dazu in der Lage sein, diesen funktionsunfähigen Körper zu steuern und verliert durch dessen Tod die Verbindung zu ihm. Dennoch existiert das Bewusstsein fort, so wie es auch schon existierte, bevor der materielle Körper, mit dem es sich einst verband, überhaupt entstanden war. Insofern ist es nur logisch und folgerichtig, dass Menschen, deren Gehirnaktivität infolge eines Unfalls oder einer Krankheit zum Erliegen kommt, trotzdem bewusste Erlebnisse haben – und zwar solche, die nicht mehr an ihren Körper gebunden sind. Genau das passiert offensichtlich bei Nahtoderfahrungen. Und es passiert in anderer Weise auch beim „Sehen ohne Augen“: Obschon kein Licht in die Augen fällt und das Gehirn keine entsprechenden physischen Signale mehr erhält, erleben die betreffenden Menschen unter ihren blickdichten Masken visuelle Wahrnehmungen – ähnlich wie Nahtodpatienten, die das Geschehen im Operationssaal betrachten können, obschon ihre Augen geschlossen sind. Dasjenige, was in beiden Fällen „sieht“, sind offenbar nicht die Augen und nicht das Gehirn, sondern der Geist beziehungsweise das Bewusstsein.

Wenn Bewusstsein ohne Materie existieren und wahrnehmen kann, sollte es uns auch nicht weiter verwundern, dass sich Verstorbene nach ihrem Tod durch Medien mitteilen können. Dazu müssen wir lediglich die Annahme hinzufügen, dass Bewusstsein auch unabhängig von Materie kommunizieren kann. 

Im Falle eines Jenseitskontaktes kommuniziert das Bewusstsein des Verstorbenen als eine „freie“, das heißt eine körperlich ungebundene Entität, mit einem Bewusstsein, das als geistige Struktur nach wie vor an einen materiellen Körper gekoppelt ist – nämlich an den Körper des Mediums. Nach demselben Prinzip würde die Informationsübertragung funktionieren, die nicht von verstorbenen Menschen, sondern von anderen geistigen (Kollektiv-)Wesenheiten ausgeht (siehe unsere Artikelsammlung zum Channeling): Einer der beiden Kommunikationspartner befindet sich jeweils körperlos im metaphysischen Raum, der andere ist mit seinem Bewusstsein an einen Körper gebunden.

Anders sieht es bei telepathischer Kommunikation zwischen zwei lebenden Menschen aus: Hier sind beide Bewusstseinsentitäten an ihre menschlichen Körper angedockt. In unserer Artikelsammlung über Studien zur Telepathie finden Sie etliche parapsychologische Experimente, bei denen zwischen Testpersonen, die sich in weit auseinanderliegenden, elektromagnetisch abgeschirmten Räumen aufhielten, Informationen ausgetauscht wurden, ohne dafür auf irgendeine Form eines materiellen Trägers zurückgreifen zu müssen. Die materialistische Naturwissenschaft zweifelt in Anbetracht solcher Forschungsstudien entweder die methodische Eignung des jeweiligen Settings oder aber die Interpretation der jeweiligen Resultate an. Denn die Ergebnisse als zutreffend zu akzeptieren, würde ihr gesamtes Selbst- und Weltverständnis sprengen. Ignoranz oder Ablehnung sind in solchen Situationen normale psychologische Abwehrreaktionen (siehe hierzu die Artikelseite "Starre Paradigmen und kognitive Dissonanz"). Der Idealismus hingegen erlaubt die Anerkennung solcher parapsychologischen Forschungsresultate völlig problemlos: Die aus materialistischer Sicht unmögliche Informationsübertragung kann einfach dadurch erklärt werden, dass die Kommunikation nicht durch den physischen Raum, sondern auf der Ebene der „geistigen Welt“ erfolgt, sich also bildlich gesprochen durch die obere Wolke auf der Abbildung von Abschnitt 2 vollzieht.



4) Idealismus als Sammelbegriff

Wenn hier bislang von „dem“ Idealismus im Singular die Rede war, ging es nur darum, die Kernbehauptung dieser philosophischen Denkrichtung zu skizzieren und ihre Erklärungskraft in Bezug auf paranormale Phänomene anzudeuten. 

Genaugenommen gibt es in der über zweitausendjährigen Philosophiegeschichte aber nicht nur „den“ Idealismus, sondern viele verschiedene Ausprägungen. Insofern handelt es sich beim Idealismus um eine Art Oberbegriff oder Sammelbegriff, unter dem sämtliche Theorien zusammengefasst werden, die vom Primat des Geistes über die Materie ausgehen.

Zwei besonders berühmte Spielarten wollen wir in den nächsten Artikelseiten etwas genauer betrachten. Beide enthalten interessante Spekulationen darüber, wie die „geistige Welt“ hinter unserem physischen Universum beschaffen sein könnte. Wir müssen uns fragen, inwiefern diese Spekulationen sinnvoll begründet sind und sich mit den Phänomenen, die in den Themenbereichen Bewusstseinsforschung und Rätselhafte Anomalien dokumentiert sind, in Übereinstimmung bringen lassen. Beginnen wollen wir beim berühmtesten aller idealistischen Konzepte, nämlich mit Platon und seinem „Reich der Ideen“ (siehe nächste Artikelseite). Anschließend wenden wir uns Schopenhauers Interpretation der Welt als „Wille und Vorstellung“ zu. Der Idealismus des irischen Philosophen George Berkeley (1685-1753) wäre sicherlich auch eine eingehendere Untersuchung wert. Da sein Ansatz aber demjenigen der zeitgenössischen Simulationstheorie des Physikers Thomas Campbell sehr ähnlich ist und wir diesem bereits eine eigene Artikelsammlung mit dem Titel "Ist Realität virtuell?" gewidmet haben, verzichten wir in dieser Online-Mediathek auf eine gesonderte Analyse Berkeleys und verweisen für besonders interessierte Leser auf die entsprechende Literatur.

5) Weiterführende Informationen und Buchtipps