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Bewusstseinsforschung

Erkenntnisse der Nahtodforschung (1/3) 
Die Pionierarbeit von Prof. Bruce Greyson und Dr. Pim van Lommel


Warum die "Urväter" der Nahtodforschung ihr materialistisches Weltbild aufgaben


1) Die Forschungsarbeit von Dr. Pim van Lommel

Der niederländische Kardiologe Dr. Pim van Lommel zählt zu den bekanntesten Nahtodforschern der Welt. 

Sein Buch „Endloses Bewusstsein“ wurde ein internationaler Bestseller. Es enthält die persönlichen Schlussfolgerungen aus einer prospektiven Studie, die er zwischen 1988 und 1992 zusammen mit anderen Fachkollegen an zehn niederländischen Krankenhäusern durchführte (van Lommel et al., 2001).

Eine prospektive Studie ist eine Studie, die vorausschauend angelegt ist. Pim van Lommel hat also nicht im Nachhinein über Anzeigen und Aufrufe Menschen mit einer Nahtoderfahrung ausfindig gemacht, um sie dann zu befragen. Stattdessen bereitete er seine Studie schon im Vorfeld so vor, dass er im Moment des Nahtoderlebnisses bestimmte medizinische Informationen abgreifen konnte. Denn weil er ja als Arzt vorab wusste, dass demnächst wieder Herzstillstandpatienten in seiner Abteilung eintreffen würden, konnte er entsprechende Vorkehrungen treffen. Zum Beispiel plante er, akribisch zu notieren, welche Medikamente zu welchen Zeitpunkten in welcher Dosierung verabreicht werden. Des Weiteren sollte zu jedem Zeitpunkt die Herzfrequenz gemessen und aufgezeichnet werden. Das würde es ihm erlauben, bei der späteren Auswertung der Daten zu ermitteln, ob Medikamente oder die Dauer eines Herzstillstandes Einfluss auf das Nahtoderlebnis genommen hatten.

Pim van Lommels prospektive Nahtodstudie

Dr. van Lommel und sein Team haben insgesamt 344 Herzstillstandpatienten untersucht, die erfolgreich wiederbelebt wurden, nachdem sie einen Herzstillstand in einer von zehn holländischen Kliniken erlitten. Von diesen 344 Patienten erlebten 62 Patienten eine Nahtoderfahrung. Das ist fast jeder fünfte Patient. Zu allen 344 Patienten haben van Lommel und sein Team demographische, medizinische, pharmakologische und psychologische Daten gesammelt. In einer Langfriststudie wurden außerdem alle 344 Patienten nach zwei und nach acht Jahren bezüglich lebensverändernder Aspekte befragt. Die Daten derjenigen Patienten, die eine Nahtoderfahrung gemacht hatten, verglichen die Forscher mit den Daten derjenigen Patienten, die keine solche Erfahrung gemacht hatten (Kontrollgruppe).

Beim Abgleich der Daten zeigte sich, dass der Eintritt einer Nahtoderfahrung nichts mit der Dauer des Herzstillstands zu tun hat. Es besteht auch kein Zusammenhang zwischen Nahtoderfahrung und der Verabreichung von Medikamenten. Daraus schlossen van Lommel und sein Team, dass rein physische Faktoren für das Eintreten und die Art einer Nahtoderfahrung nicht relevant sind. Wäre zum Beispiel Sauerstoffmangel im Gehirn die Ursache für Nahtoderfahrungen, müssten gemäß der Datenlage eigentlich deutlich mehr Patienten eine Nahtoderfahrung gemacht haben.

Lebenswandel als Folge einer Nahtoderfahrung

Auffällig war außerdem, dass diejenigen Patienten, die eine Nahtoderfahrung erlebt hatten, diese im Nachhinein als einschneidendes Erlebnis beurteilten. Sie waren emotional aufgewühlt und konnten selbst nicht so recht glauben, was ihnen widerfahren war. Das Nahtoderlebnis beurteilten sie als realer als alles, was sie ansonsten in ihrem Leben erfahren hatten. Das kann man in etwa damit vergleichen, dass wir unser Alltagserleben im Wachbewusstsein als deutlich „echter“ empfinden als unsere Traumwelten. Ein Nahtoderlebnis scheint sich analog dazu nochmal eine Stufe „echter“ anzufühlen als das normale Alltagserleben im Wachbewusstsein.

Im Ergebnis führte die Nahtoderfahrung bei fast allen Nahtodpatienten zu einem tiefgreifenden Lebenswandel. Die Betroffenen verloren ihre Angst vor dem Tod und entwickelten mehr Mitgefühl für andere Menschen und die Natur. Alltägliche Probleme wurden infolge des Erlebnisses stark relativiert, das Interesse an Spiritualität stieg. Bei der Kontrollgruppe von Herzstillstandpatienten, die keine Nahtoderfahrung erlebt hatten, fand ein solch tiefgreifender Lebenswandel nicht ein einziges Mal statt. Jüngere Studien anderer Autoren bestätigen den tiefgreifenden Lebenswandel als direkte Folge einer Nahtoderfahrung (Pehlivanova et al. 2025).

Merkmale einer Nahtoderfahrung

Den Grund für diesen Lebenswandel vermutet van Lommel in den typischen Merkmalen einer Nahtoderfahrung. Die Betroffen erleben sich bei einer solchen Erfahrung als unabhängig von ihrem physischen Körper. Sie empfinden keinerlei Schmerzen. Häufig stellt sich auch eine erweiterte Wahrnehmung ein. Manche Patienten beschreiben das so, als hätten sie eine 360-Grad-Wahrnehmung. Sie „sehen“ also nicht im physischen Sinne mit ihren Augen, haben aber trotzdem visuelle Eindrücke. Besonders interessant ist, dass dies auch bei Nahtodpatienten geschieht, die physisch blind sind. Die meisten Patienten erleben außerdem eine Lebensrückschau. Auch hier zeigt sich eine erweiterte Wahrnehmung und eine Loslösung von unserer Zeitdimension: Alles, was die Patienten in einem ganzen Leben erlebt haben, sehen und spüren sie in wenigen Sekunden. Mit Spüren ist gemeint, dass sie während dieses Rückblicks nachempfinden, wie sich ihre Handlungen auf sich selbst und auf andere emotional ausgewirkt haben. Sie erkennen dabei nach eigenen Angaben, wie wir Menschen alle untereinander und mit der Natur verbunden sind. Das könnte der Hauptgrund dafür sein, dass die meisten Nahtodpatienten im Anschluss an ihre Erfahrung sehr viel mehr Mitgefühl entwickeln.

Zu den häufigen Merkmalen einer Nahtoderfahrung gehört auch, in lichtgefüllte Sphären einzutauchen oder eingesogen zu werden. Dort spüren Nahtodpatienten oftmals eine Wärme und eine überwältigende Liebe, die sie mit Worten später nicht mehr beschreiben können. Manche treffen auch auf Verstorbene oder andere geistige Wesen, die sie als eine Art „Lichtwesen“ wahrnehmen und mit denen sie telepathisch kommunizieren. Einige dieser Begegnungen enden damit, dass den Nahtodpatienten mitgeteilt wird, dass ihre Zeit noch nicht gekommen sei und sie noch eine Aufgabe zu erledigen hätten. Das ist der Moment, in dem sie in ihren Körper zurückkehren.

Nicht alle Nahtoderfahrungen laufen in gleicher Weise ab. Und nicht alle der hier genannten Merkmale treten bei jedem einzelnen Nahtoderlebnis so auf. Letztlich erzählt also jeder Erfahrungsbericht eine ganz spezifische, individuelle Geschichte, wenngleich sich dabei wiederkehrende Muster feststellen lassen, die bei anderen Erfahrungen in ähnlicher Weise vorkommen.

Wenn Sie sich ein breiteres Bild hiervon machen möchten, schauen Sie sich die folgende Artikelseite "Fallbeispiele: Betroffene berichten" an. Die Berichte dieser Menschen zeugen von großer Authentizität. Es wird deutlich, welch starke Emotionen die Betroffenen mit ihren Erlebnissen verbinden.

Negative Nahtoderfahrungen

Vollständigkeitshalber sollte an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass nicht alle Nahtoderfahrungen von ausschließlich positiven Empfindungen geprägt sind. Gelegentlich werden die Erlebnisse und Begegnungen im Rahmen einer Nahtoderfahrung auch als negativ oder gar als beängstigend empfunden (Evans, 2012). Davon wird aber viel seltener berichtet. Das Resultat von negativen Nahtoderfahrungen in Bezug auf die Einschätzung des Realitätsgehalts des Erlebten sowie in Bezug auf den sich daran anschließenden Lebenswandel ist aber dasselbe: Die Betroffenen stufen ihre Erfahrung als überaus authentisch ein und entwickeln im Anschluss mehr Mitgefühl.

VIDEO: Interview mit Pim van Lommel - Nahtod-Forschung eines Kardiologen

45:06 Minuten, deutsche Übersetzung

0:01:00 Wie konnten sie als Arzt über das rein materialistische Paradigma hinauswachsen?
0:02:25 Dass Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird ist nur eine Annahme (interessant)
0:05:00 Was genau ist eine Nahtod-Erfahrung?
0:05:40 Was sind die Hauptgründe, warum viele Nahtod-Erfahrungen als nicht real ansehen?
0:06:50 Gibt es keinen freien Willen? Kann Bewusstsein das Gehirn kontrollieren?
0:08:15 Warum ist ein prospektiver Ansatz bezüglich Nahtod-Erfahrungen so wichtig?
0:10:30 Basiert Bewusstsein auf einer biologischen Grundlage? (sehr interessant)
0:17:15 Das Wort "spirituell" ist tabu in der Wissenschaft, Weltbild-Transformation
0:19:05 Wie haben ihre Forschungsergebnisse sie persönlich verändert?
0:20:20 Was macht eine Nahtod-Erfahrung mit einem ehemals egozentrischen Menschen?
0:21:55 Wie kann das Gehirn so viele Informationen speichern? (sehr interessant)
0:23:30 Wieso kann ein blinder Mensch bei einer Nahtod-Erfahrung sehen? (sehr interessant)
0:25:50 Wofür steht der Begriff "Nichtlokalität"? (interessant)
0:26:50 Wieso sind Nahtod-Erfahrungen "realer" als die reale Welt? (interessant)
0:28:15 Wie könnte ein neues Paradigma aussehen? Objektive und subjektive Erfahrungen
0:29:50 Herzinfarktpatienten ohne Nahtod-Erfahrung verändern ihr Leben weniger
0:30:30 Wie fühlen Sie sich bezüglich ihrer Forschungsergebnisse? Lancet-Studie in 2001
0:31:15 Was müsste passieren, um das materialistische Paradigma zu ändern? (interessant)
0:32:45 Das Stigma von Nahtod-Erfahrungen, Zurückhaltung und Angst
0:33:55 Der Film "Hereafter", öffentliche Akzeptanz für ein Leben nach dem Tod
0:35:50 Wie kann man nicht-lokales Bewusstsein mit der Evolutionstheorie vereinbaren?
0:37:30 Unterschiedliche Sichtweisen bezüglich Kausalität, eine radikal "neue" Sichtweise
0:39:15 Wieso ging uraltes Wissen über Bewusstsein verloren?
0:39:50 Das westliche Weltbild mit Hilfe der Psychiatrie nennt Patienten mit NTE verrückt
0:42:05 Materialistische Ansätze um Nahtod-Erlebnisse zu beweisen, Veränderung der Physik
0:43:20 Wie würde ein neues Paradigma der Nicht-Lokalität die Welt verändern? (interessant)

2) Die Forschungsarbeit von Prof. Bruce Greyson

Die Ergebnisse aus der Studie von Dr. Pim van Lommel decken sich mit den Erkenntnissen, die der US-amerikanische Psychiater und Neurowissenschaftler Professor Bruce Greyson gesammelt hat. Wie Pim van Lommel war auch Professor Greyson als streng naturwissenschaftlich denkender Materialist sozialisiert worden. Er stammt aus einem wissenschaftlichen Elternhaus (sein Vater war Chemiker) und bekam im Rahmen seines Medizinstudiums beigebracht, das Gehirn sei Urheber aller Gedanken und Gefühle. Eine Begebenheit im Rahmen seiner Ausbildung zum Psychiater erschütterte dann aber dieses Weltbild: Professor Greyson wurde in die Notaufnahme gerufen, um dort eine Patientin zu befragen. Da diese jedoch noch nicht bei Bewusstsein war, begab er sich ein Stockwerk tiefer in einen Wartesaal, um in der Zwischenzeit die Mitbewohnerin der Patientin zu befragen. Er wollte mehr über die Lebensumstände der Patientin herausfinden und wissen, ob sie eventuell Medikamente nahm. Erst am nächsten Tag besuchte Professor Greyson die Patientin, der es mittlerweile besser ging, in ihrem Zimmer in der Klinik. Als er hereinkam, entgegnete sie ihm gleich: „Ich erkenne Sie wieder!“ – Professor Greyson wunderte sich: „Wie konnten Sie mich in der Notaufnahme sehen, wenn Sie doch bewusstlos waren?“ – „Nicht in der Notaufnahme!“, klärte die Patientin ihn auf. „Ich habe Sie beim Gespräch mit meiner Mitbewohnerin beobachtet.“
Weil die Patientin anschließend auch sämtliche Gesprächsinhalte zutreffend wiedergeben konnte, kam Greyson zu der Schlussfolgerung, dass sie wohl mit ihrem Bewusstsein ihren Körper verlassen haben musste. Mit diesem Gedanken konnte er aber zunächst nichts anfangen und verfolgte ihn nicht weiter. Erst als er Jahre später mit ersten Berichten von Nahtoderfahrungen in Kontakt kam, begann er, sich erneut für das Phänomen eines „außerkörperlichen Bewusstseins“ zu interessieren. Das war der Beginn einer jahrzehntelangen, systematischen Erforschung von Nahtoderlebnissen.

Zu Greysons ersten Erkenntnissen gehörte die Feststellung, dass Nahtoderfahrungen keinen psychischen Erkrankungen gleichen, da die Merkmale einer Nahtoderfahrung keinerlei Parallelen zu Psychosen aufweisen. Er konnte außerdem feststellen, dass Nahtoderfahrungen keine kulturell oder religiös bedingten Einbildungen sind. Nahtoderfahrungen treten nämlich auch bei Atheisten auf. Zudem sind sie offenbar ein universelles Phänomen: Obschon jede Nahtoderfahrung einzigartig ist, wiederholen sich bei Menschen in verschiedensten Teilen der Welt stets dieselben Merkmale und Muster. Mit einem Wort: Nahtoderfahrungen scheint eine tieferliegende Wirklichkeit innezuwohnen.

VIDEO: Bruce Greyson im Gespräch

47:25 Minuten, deutsche Übersetzung

Interview mit Prof. Greyson auf Werner Huemers Kanal Thanatos TV (mehr zu Werner Huemer weiter unten im Abschnitt 2.4).

04:13 Was weckte Greysons Interesse an Nahtoderlebnissen?
08:37 Überblick der letzten 40 Jahre Studienarbeit und Erfahrungen
10:24 Effekte durch Nahtoderfahrungen
12:41 Kulturelle Unterschiede bei Nahtoderfahrungen
14:56 Die Reaktionen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit
16:15 Gibt es Beweise, dass diese Erlebnisse die Realität widerspiegeln?
19:33 Experiment mit „unsichtbaren“ Tafeln
21:28 Begegnungen mit verstorbenen Menschen
24:28 Erklärungsansätze für Nahtoderfahrungen
27:40 Nahtoderfahrungen, wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert
29:36 Der Fall Eben Alexander
33:27 Ist der Geist oder das Bewusstsein vom physischen Gehirn getrennt?
37:21 Überleben wir unseren physischen Tod?
43:00 Offene Fragen im Bereich der Nahtodforschung
45:44 Was sind die größten Herausforderungen für Nahtoderfahrene?

3) Weiterführende Informationen und Buchtipps