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Philosophie & Wissenschaft

Woher wissen wir, was wahr ist? (6/8) 
Starre Paradigmen und kognitive Dissonanz


Oftmals halten wir Menschen selbst dann an unseren Überzeugungen und Theorien fest, wenn diese durch Fakten und schlüssige Argumente klar widerlegt sind. Der Grund für diese "Sturheit" liegt aber nicht etwa in einer unzureichenden intellektuellen Fähigkeit zur Einsicht, sondern vielmehr in unseren tiefsten psychologischen Bedürfnissen. Das gilt auch und vielleicht sogar ganz besonders für Wissenschaftler.


1) Was sind Paradigmen?

Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Thomas-kuhn-portrait.png)

Der Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn beschreibt ein Paradigma als Gesamtheit aller Grundauffassungen, die einer wissenschaftlichen Theorie zugrunde liegen.

Dazu gehören neben den unhinterfragten Axiomen einer wissenschaftlichen Disziplin auch deren spezifische Methodik sowie die als zulässig erachteten Fragestellungen und die damit implizit verbundenen Werturteile.

Neben den Axiomen, Modellen, Theorien und der typischen Methodik sind auch die grundlegenden Fragestellungen einer wissenschaftlichen Disziplin Teil ihres Paradigmas. In der Wirtschaftswissenschaft lautet die Kernfrage seit jeher, wie man in möglichst effizienter Weise mit den vorhanden Ressourcen ein Maximum an gesamtwirtschaftlichem Wohlstand generieren kann. Diese Frage geht bis ins 18. Jahrhundert auf den Urvater der Ökonomie, nämlich Adam Smith und sein Buch „Der Wohlstand der Nationen“ zurück. Mit der Forschungsfrage wird zugleich immer auch ein Werturteil gefällt. Hier lautet die implizite Subbotschaft: „Mehr Effizienz und mehr Wohlstand sind gut“.

So sinnhaft der Gedanke einer allgemeinen Wohlstandssteigerung vor 250 Jahren gewesen sein mag, so problematisch stellt sich die zentrale Forschungsfrage der Ökonomie natürlich heute im Kontext von Klimawandel und ökologischem Raubbau an unseren Ressourcen dar. Dennoch prägt sie weiterhin die wirtschaftswissenschaftliche Lehre und Forschung, während andere Fragen, die man inzwischen vielleicht als viel drängender erachten könnte, einfach nicht untersucht werden:

Statt daran zu forschen, wie man möglichst effizient den Gesamtwohlstand eines Landes mehrt (und entsprechende Ideale dann auch in die Gesellschaft und in die Politik trägt), könnte sich die Wirtschaftswissenschaft theoretisch ja auch fragen, welche Organisationsform und welches Maß der Güterproduktion am besten mit einer nachhaltigen Ressourcennutzung vereinbar wäre. Sie könnte genauso gut auch fragen, nach welchen Kriterien man einen begrenzten materiellen Wohlstand gerecht in der Bevölkerung verteilen sollte. Das tut sie aber nicht, weil das im Rahmen des bestehenden Paradigmas keine angemessenen Forschungsfragen sind. Zur vorherrschenden Zielfrage (effiziente Wohlstandsmehrung) stehen Fragen nach ökologischer Begrenzung und gerechter Verteilung mitunter sogar in Konflikt. Sie lassen sich darum in das bestehende Paradigma nicht integrieren.

Beziehen wir das Ganze auf die Naturwissenschaft, treten die Parallelen deutlich zutage: Ob paranormale Phänomene real sind und wie sie funktionieren, sind im Rahmen des vorherrschenden materialistischen Paradigmas keine zulässigen Forschungsfragen. Sie würden einen unlösbaren Konflikt heraufbeschwören, weil sie im Ergebnis das axiomatische Fundament des Materialismus zerstören könnten, auf dem aber sämtliche Modelle und Theorien der Naturwissenschaften aufbauen. Die Forschung an paranormalen Phänomenen wird deshalb nur dann anerkannt, wenn sie darauf ausgerichtet ist, solche Phänomene als natürlich erklärbare Vorgänge zu entlarven. Die Annahme, dass es eine metaphysische Wirklichkeit gibt, die mit unserer physischen Wirklichkeit interagiert und durch subjektive Erfahrungen bewiesen werden kann, lässt sich in die bestehende Programmatik der Naturwissenschaft unmöglich integrieren.

2) Warum Paradigmen so starr sind

Paradigmen verengen durch ihre festgelegten Annahmen, Methoden und Fragestellungen den Blick auf ihren Untersuchungsgegenstand. Das gilt nicht nur für die Wirtschaftswissenschaften oder die Naturwissenschaften, sondern für alle Wissenschaftsdisziplinen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Ein institutioneller Grund ist der, dass der akademische Betrieb in hohem Maße organisiert abläuft. In der Wissenschaft herrscht keine Beliebigkeit und nicht jeder darf forschen und lehren, wie er will und was er will. Stattdessen bemühen sich Wissenschaftler um einheitliche Standards für Forschung und Lehre. Dieser hohe Grad an Organisation und Koordination, so gewinnbringend er auch in vielerlei Hinsicht sein mag, macht den akademischen Betrieb schwerfällig und neigt dazu, Paradigmen zu erhalten. Professoren geben die herrschende Lehre mittels einheitlicher Lehrpläne und Lehrbücher an ihre Studierenden weiter und diese wachsen in der Regel ganz unbewusst und gewohnheitsmäßig in ein Paradigma hinein, ohne dieses überhaupt zu hinterfragen. Und wer es doch tut, der wird überall auf Widerstände stoßen.

So sinnhaft der Gedanke einer allgemeinen Wohlstandssteigerung vor 250 Jahren gewesen sein mag, so problematisch stellt sich die zentrale Forschungsfrage der Ökonomie natürlich heute im Kontext von Klimawandel und ökologischem Raubbau an unseren Ressourcen dar. Dennoch prägt sie weiterhin die wirtschaftswissenschaftliche Lehre und Forschung, während andere Fragen, die man inzwischen vielleicht als viel drängender erachten könnte, einfach nicht untersucht werden:

Statt daran zu forschen, wie man möglichst effizient den Gesamtwohlstand eines Landes mehrt (und entsprechende Ideale dann auch in die Gesellschaft und in die Politik trägt), könnte sich die Wirtschaftswissenschaft theoretisch ja auch fragen, welche Organisationsform und welches Maß der Güterproduktion am besten mit einer nachhaltigen Ressourcennutzung vereinbar wäre. Sie könnte genauso gut auch fragen, nach welchen Kriterien man einen begrenzten materiellen Wohlstand gerecht in der Bevölkerung verteilen sollte. Das tut sie aber nicht, weil das im Rahmen des bestehenden Paradigmas keine angemessenen Forschungsfragen sind. Zur vorherrschenden Zielfrage (effiziente Wohlstandsmehrung) stehen Fragen nach ökologischer Begrenzung und gerechter Verteilung mitunter sogar in Konflikt. Sie lassen sich darum in das bestehende Paradigma nicht integrieren.

Beziehen wir das Ganze auf die Naturwissenschaft, treten die Parallelen deutlich zutage: Ob paranormale Phänomene real sind und wie sie funktionieren, sind im Rahmen des vorherrschenden materialistischen Paradigmas keine zulässigen Forschungsfragen. Sie würden einen unlösbaren Konflikt heraufbeschwören, weil sie im Ergebnis das axiomatische Fundament des Materialismus zerstören könnten, auf dem aber sämtliche Modelle und Theorien der Naturwissenschaften aufbauen. Die Forschung an paranormalen Phänomenen wird deshalb nur dann anerkannt, wenn sie darauf ausgerichtet ist, solche Phänomene als natürlich erklärbare Vorgänge zu entlarven. Die Annahme, dass es eine metaphysische Wirklichkeit gibt, die mit unserer physischen Wirklichkeit interagiert und durch subjektive Erfahrungen bewiesen werden kann, lässt sich in die bestehende Programmatik der Naturwissenschaft unmöglich integrieren.

Wer eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Dozent oder Professor anstrebt, der sollte sich mit denjenigen gut halten, die über solche Positionen entscheiden. Es ist unwahrscheinlich, dass man in der Forschung und Lehre eine Anstellung findet, wenn man offen die Meinung vertritt, dass die vorherrschenden Lehrpläne, Grundannahmen, Methoden und Forschungsfragen falsch sind.

Damit sind wir bei einem zweiten wichtigen Grund für die Starrheit von Paradigmen angelangt. Dieser Aspekt ist mehr psychologischer als institutioneller Natur. Betrachten wir dazu das Szenario von der Anstellung eines Nachwuchswissenschaftlers noch einmal etwas genauer aus der Perspektive derjenigen Wissenschaftler, die schon eine lange akademische Karriere hinter sich haben und nun in ihrem Fachbereich für die Einstellung des wissenschaftlichen Nachwuchses verantwortlich zeichnen. Würden Sie einen Bewerber einstellen, der sich außerhalb Ihres eigenen Paradigmas bewegt und sich anschickt, der wissenschaftlichen Community und der interessierten Öffentlichkeit zu zeigen, warum Ihr Lebenswerk haltlos ist? Oder würden Sie nicht viel lieber einen wissenschaftlichen Nachwuchs heranzüchten, der Ihre Theorien stützt und Ihr Lebenswerk weiterführt? Es liegt wohl in der Psychologie des Menschen, dass diese zweite Option deutlich wahrscheinlicher ist.

Das ist aber noch nicht alles. Zur Eitelkeit des Egos gesellt sich häufig eine gewisse Anfälligkeit für ideologische Überzeugungen. Solche Überzeugungen werden jedem von uns unbewusst im Zuge der Sozialisation weitergegeben. Wir sind geprägt durch das Elternhaus, das Umfeld, die Lehrer, die Medien und die allgemein vorherrschende Kultur der Gemeinschaft und Gesellschaft, in der wir aufwachsen. Die Überzeugungen, die wir als Heranwachsende zunächst völlig unbewusst aufsaugen, können politischer oder religiöser Natur, stark oder schwach ausgeprägt, konsistent oder widersprüchlich sein. Ob man sich dieser Überzeugungen jemals bewusst wird, hängt davon ab, ob man eines Tages über diese zu reflektieren beginnt oder nicht. Je homogener das Umfeld ist, in dem man aufwächst und je weniger widersprüchliche Informationen man erhält, desto unwahrscheinlicher ist es, dass jemand seine Überzeugungen bewusst hinterfragt.
Was hat das mit starren Paradigmen zu tun? Ganz einfach: Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Auch sie wachsen in weltanschauliche Überzeugungen hinein, die sie meist unhinterfragt für richtig halten. Sie werden kein Paradigma vertreten, das ihrem Weltbild widerspricht. Umgekehrt gilt, dass ein Paradigma sich nur dann durchsetzen kann, wenn es mit den weltanschaulichen Überzeugungen der jeweiligen Wissenschaftler zusammenpasst.

Hierzu zunächst wieder ein simples Beispiel aus den Wirtschaftswissenschaften: Wenig überraschend korrespondiert das dort vorherrschende Paradigma hervorragend mit der politischen Ideologie des Liberalismus mitsamt seiner wirtschaftspolitischen Forderung nach einer freien Marktwirtschaft. Denn die Marktwirtschaft ist das System, in dem wir aufgewachsen sind und das wir für richtig halten. Jemand, der aus seiner persönlichen Überzeugung heraus einen utopischen Kommunismus befürwortet, wird sich darum kaum in einem Studium der Wirtschaftswissenschaften wiederfinden können. Oder anders ausgedrückt: Das herrschende Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften wird sich für kommunistische Ideen nicht öffnen können. Dadurch hält es Menschen, die fundamentale Kritik an unserem Wirtschaftssystem üben, automatisch aus dem akademischen Betrieb fern. Und sollte doch einmal ein Querulant bis zur Abschlussprüfung durchgehalten haben, wird er es schwerhaben, einen Doktorvater zu finden, der seine akademische Karriere fördern möchte. Wirtschaftswissenschaftler, die marktliberale Überzeugungen vertreten, werden schließlich keine ideologischen Gegner an ihre Lehrstühle holen.

In den Naturwissenschaften finden wir das gleiche Phänomen: Wer in einem spirituellen oder religiösen Umfeld aufgewachsen ist, die Natur als planvolle Schöpfung und das Leben als mystische Vitalkraft versteht, der wird im Biologiestudium auf ernsthafte Probleme stoßen. Vor dem Hintergrund des vorherrschenden Paradigmas, das maßgeblich vom evolutionstheoretischen und materialistischen Denken geprägt ist, würde man einen mutmaßlichen „Kreationisten“ in Forschung und Lehre nicht tolerieren wollen. Und welche Universität würde schon einen jungen Physiker auf einen Lehrstuhl berufen, der telepathischen Kontakt zu Verstorbenen als reale Tatsache auffasst und subjektive Erfahrung zur Beweisbarkeit dessen (siehe hierzu unsere Artikelseite "Lassen sich geistige Welten beweisen?") als zulässig erachtet? Das ist der ideologische Grund für die Starrheit von Paradigmen: Was nicht zum Weltbild des herrschenden Paradigmas passt, wird entweder ignoriert oder aktiv verdrängt. 

3) Kognitive Dissonanz

Der tiefere Grund für die Ignoranz oder aktive Verdrängung von unliebsamen Theorien könnte in unserer Psychologie verborgen liegen: Immer dann, wenn Informationen auf uns hereinprasseln, die unsere inneren Werte und Überzeugungen erschüttern, die wir seit Kindheitsjahren gelernt und aufgesogen haben, empfinden wir das emotional als höchst unangenehm. Davor sind auch Wissenschaftler nicht gefeit. Psychologen bezeichnen diesen durch widersprüchliche Informationen ausgelösten Gefühlszustand als „kognitive Dissonanz“. Um sich hieraus zu befreien, reagieren Menschen in unterschiedlicher Weise. Entweder versuchen sie, die störenden Informationen irgendwie in ihr bestehendes Weltbild zu integrieren, damit die Diskrepanz sich auflöst. Oder sie bemühen eine Scheinlösung, indem sie die irritierenden Informationen einfach übergehen oder aktiv bekämpfen.

Beide Reaktionen finden wir zum Beispiel auch bei religiösen Fundamentalisten. Sie verschließen sich vor allen Fakten und Argumenten, die sie in ihrem Glauben erschüttern könnten. Oder sie versuchen diese Störfaktoren, sofern das möglich ist, im Rahmen ihrer eigenen Glaubenssätze stimmig zu deuten. Ein paranormales Ereignis wie eine Erinnerung an ein Vorleben könnten sie zum Beispiel, falls der Reinkarnationsgedanke dem eigenen religiösen Dogma widerspricht, auf eine dämonische Gedankenmanipulation böser Geister zurückführen. Auf diese Weise könnten sie das Phänomen stimmig in den Kontext ihrer eigenen Überzeugungen setzen. Wissenschaftsgläubige Menschen könnten solche paranormalen Ereignisse auf ganz ähnliche Weise als noch unverstandene, aber natürliche Gehirnillusionen oder aber als Ausdruck von Betrug oder Geisteskrankheit deuten. So verteidigen beide ihr Paradigma nach außen und verschaffen sich (trügerische) Gewissheit im inneren Empfinden. Die kognitive Dissonanz schwindet.

Die neutrale, undogmatische und insofern vernünftigste Reaktion auf widersprüchliche Informationen bestünde natürlich darin, ihnen ergebnisoffen zu begegnen. Ein vorläufiges Urteil lässt sich sinnvollerweise ja immer erst dann fällen, nachdem man einen Sachverhalt gewissenhaft und gründlich überprüft hat – und zwar nicht nur mit objektiven, sondern im Bedarfsfall auch mit subjektiven Überprüfungsmethoden.

Wissenschaftler, die sich diesem ergebnisoffenen Prozess durch vorschnelle Deutungen oder aber durch Ablehnung und Ignoranz entziehen, gleichen Pferden mit Scheuklappen: Sie schauen nur in eine vorgegebene Richtung und können ihr Blickfeld nicht erweitern. 

Solche Wissenschaftler sitzen im falschen Glauben fest, dass nur die eigene Sicht der Dinge wahr ist und alle Menschen, die einen anderen Ansatz verfolgen (andere Grundannahmen, andere Methodik, andere Fragestellung), einem großen Irrtum erliegen. Das muss aber natürlich gar nicht unbedingt stimmen.

Falls man selbst derjenige ist, der danebenliegt, wäre man gut beraten, sich ergänzend oder alternativ einem anderen Forschungsansatz zuzuwenden. Das wiederum setzt aber die Bereitschaft voraus, sein eigenes Paradigma bewusst und kritisch zu reflektieren und sich für andere Herangehensweisen zu öffnen. 

Bedauerlicherweise ist das im akademischen Betrieb eher die Ausnahme als die Regel, wie der oben bereits erwähnte Wissenschaftsphilosoph Thomas S. Kuhn bei seiner Untersuchung verschiedener Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsgeschichte feststellen musste. Die „Normalwissenschaft“, wie Kuhn die paradigmatisch gefestigte Wissenschaft nennt, ist vollkommen unkritisch und überhaupt nicht daran interessiert, ihre eigenen Grundlagen zu hinterfragen. Diese geradezu ignorante Fokussierung ist laut Kuhn zugleich der entscheidende Vorteil der Normalwissenschaft: Sie ermöglicht im Rahmen ihrer selbstgesteckten Begrenztheit hochspezialisierten Erkenntnisgewinn in der Tiefe. Das ist wieder mit dem Pferd vergleichbar, das dank seiner Scheuklappen unbeirrt nach vorne trabt, ohne dabei Gefahr laufen zu müssen, durch irgendwelche Ablenkungen seitlich auszubrechen. So kommt es zumindest gut voran. Die Frage ist nur, ob auch die Richtung stimmt.

4) Wann kommt es zu einem Paradigmenwechsel?

Nach allem, was Sie bis hierhin gelesen haben, sollte es Sie nicht überraschen, dass ein historischer Übergang von einem Paradigma zum nächsten eben nicht durch eine wohlwollende und allmähliche Annäherung und Anpassung der „Normalwissenschaftler“ an konkurrierende Theorien erfolgt. Stattdessen bemühen sich die Vertreter eines vorherrschenden Paradigmas gemäß dem Prinzip der Dissonanzauflösung stets, anderslautende Forschungsansätze und -resultate zu ignorieren und zu verdrängen oder aber unter Anwendung ihrer eigenen Theorien „passend“ zu interpretieren. Das erspart ihnen den unangenehmen Vorgang, ihr eigenes Weltbild infrage zu stellen und schlimmstenfalls sogar zugeben zu müssen, sich ihr ganzes bisheriges Forscherleben lang geirrt zu haben.

Ein Paradigmenwechsel vollzieht sich folglich nicht als besonnener und schrittweiser Anpassungsprozess an neue Erkenntnisse. Vielmehr kommt er einem akademischen Erdbeben gleich. Die Ablösung eines herrschenden Paradigmas durch ein neues Paradigma bleibt außerdem nicht nur auf die Universitäten beschränkt. Je nach Tragweite erfasst sie die gesamte Bevölkerung und geht mit einer kulturellen Revolution einher. Das liegt daran, dass die Paradigmen, wie weiter oben erklärt, immer auch mit Weltbildern korrelieren. Früher war es die Religion, die den Menschen Antworten auf ihre offenen Fragen gab. Heute sind es die Wissenschaftler, die uns erklären, wie die Welt funktioniert. Wenn sich also ein wissenschaftlicher Paradigmenwechsel vollzieht, ist das in etwa damit vergleichbar, als würden Priester eine völlig neue religiöse Lehre predigen. Was in einer stark religiös geprägten Gesellschaft die kulturellen und psychologischen Grundfesten der gesamten Bevölkerung erschütterte, bewirkt in einer aufgeklärten Gesellschaft, in der wissenschaftliche Beweise an die Stelle göttlicher Offenbarungen getreten sind, eine nicht minder umwälzende Neuausrichtung.

Stellen Sie sich, um das zunächst auf das verständliche Beispiel der Wirtschaftswissenschaft zu beziehen, für einen Moment vor, an den Universitäten dieser Welt würde das herrschende Paradigma der Ökonomen durch ein neues verdrängt. Anstelle des bislang propagierten kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystems würde auf Basis des neuen Paradigmas ein kommunistisches Ideal entworfen. Es versteht sich von selbst, dass dies nicht ohne Auswirkung auf Politik und Gesellschaft bleiben könnte. Oder anders ausgedrückt: Damit sich ein solches Paradigma überhaupt etablieren kann, müsste der entsprechende kulturelle Nährboden in der Gesellschaft vorhanden sein. In einer Gesellschaft, in der anti-kommunistische Einstellungen dominieren, wird sich ein solcher Paradigmenwechsel ebenso wenig vollziehen können wie ein Wechsel zur marktliberalen Ökonomie in einem kommunistischen Land.

Anders sieht das Ganze aus, wenn das vorherrschende Paradigma und das mit ihm verknüpfte Weltbild an Überzeugungskraft verliert und damit instabil wird. An der Transformation der Sowjetunion und anderen ehemaligen Staaten des real existierenden Kommunismus kann man sehr schön nachvollziehen, wie politischer und gesellschaftlicher Wandel mit einem wissenschaftlichen Paradigmenwechsel Hand in Hand gingen. Die Triebfeder für diesen Umbruch lag in diesem Fall zweifellos auf der politisch-gesellschaftlichen, nicht auf der akademischen Seite. Das Ergebnis ist aber das Gleiche: An den Universitäten der ehemaligen Ostblockstaaten werden Sie nur noch wenige überzeugte Marxisten finden. Wissenschaft ist eben in Gesellschaft eingebettet, Paradigmen existieren nicht ungebunden im luftleeren, akademischen Raum.

Instabil und angreifbar wurde nicht nur der Kommunismus im Ostblock, sondern auch die Deutungshoheit der Kirche im Übergang von Mittelalter zu Neuzeit.

Das lieferte den Nährboden für einen historischen Paradigmenwechsel, der das Selbstverständnis der Menschheit in ganz dramatischer Weise veränderte: Der Übergang vom geozentrischen zum kopernikanischen Weltbild (im Bild: Nikolaus Kopernikus). Auch hier gingen wissenschaftlicher Paradigmenwechsel und gesellschaftlich-kultureller Wandel Hand in Hand.

Man kann sich nun ausmalen, was eine wissenschaftliche Abkehr vom Materialismus für unsere aufgeklärte Gegenwartsgesellschaft bedeuten würde. Existenzielle Fragen, die bislang nicht beantwortbar schienen, müssten neu verhandelt werden. Der scheinbar nur zufällige Ursprung des Universums, die angebliche Sinnlosigkeit unseres Daseins oder das vermeintliche Ende unseres Ich-Bewusstseins infolge des physischen Todes – all das gehörte im Zuge eines entsprechenden Paradigmenwechsels auf den Prüfstand. 

5) Stehen wir heute kurz vor einem Paradigmenwechsel?

Den oben erwähnten historischen Paradigmenwechseln war vorausgegangen, dass die ursprünglich bestehenden Paradigmen und die mit ihnen verknüpften Weltbilder über einen längeren Zeitraum hinweg mit erfahrbaren Tatsachen konfrontiert wurden, die ihnen zu widersprechen schienen: Misswirtschaft und Mangel erodierten das Vertrauen in die herrschende ökonomische Lehre des Kommunismus. Astronomische Beobachtungen und Entdeckungen konnten durch das geozentrische Weltbild nicht mehr sinnvoll erklärt werden. Die Konfrontation mit Widersprüchen kann ein Paradigma also grundsätzlich in eine Krise stürzen. Ein Paradigmenwechsel folgt daraus aber noch nicht zwangsläufig. Entscheidend ist nämlich, dass zudem auch ein alternatives Paradigma bereitsteht, das in der Lage ist, das bestehende Paradigma zu ersetzen.

Sowohl beim Niedergang des Kommunismus als auch beim Niedergang des geozentrischen Weltbildes war das der Fall. Und das musste auch so sein. Denn ohne „Ersatz“-Paradigma kann es schließlich gar keine Forschung im Sinne von Kuhns „Normalwissenschaft“ geben, weil es ohne ein Paradigma an Rahmen und Orientierung fehlen würde, um überhaupt zielgerichtet Wissenschaft zu betreiben. Auch in gesellschaftlich-kultureller Hinsicht würde den Menschen ohne alternative Weltdeutung jeglicher Halt fehlen. Um der Gesellschaft diesen Halt bieten zu können, müsste das „Ersatz“-Paradigma allerdings über eine hinreichende Akzeptanz in der Bevölkerung verfügen. Würde das neue Paradigma von der Bevölkerung abgelehnt, könnte es sich gegenüber dem alten Paradigma trotz dessen Schwächen nicht behaupten, sodass das alte Paradigma mangels annehmbarer Alternativen weiter fortbestünde. 

Was bedeuten diese Überlegungen für die heutige Situation? Steht uns in absehbarer Zeit womöglich ein Paradigmenwechsel bevor? Beginnen wir wie gewohnt mit den Wirtschaftswissenschaften: Obschon wir weltweit ganz offensichtlich und über einen langen Zeitraum hinweg mit ungelösten wirtschaftlichen Problemen (Armut, Ungleichheit und Umweltzerstörung) sowie wiederkehrenden Krisen zu kämpfen haben (etwa der Weltfinanzkrise von 2009, die unsere „Normalwirtschaftswissenschaftler“ nicht haben kommen sehen), sitzt die herrschende Ökonomie fester im Sattel denn je. Warum? Weil kein „Ersatz“-Paradigma in den Startlöchern steht. Zur kapitalistischen Marktwirtschaft und dem mit ihr korrespondierenden wirtschaftswissenschaftlichen Paradigma scheint es nach dem Niedergang des Kommunismus einfach keine Alternative zu geben. Und selbst wenn es eine gäbe, wäre es gut möglich, dass diese sich mangels gesellschaftlicher und akademischer Unterstützung nicht durchsetzen könnte.

Und wie ist es mit der Naturwissenschaft? Bahnt sich hier vielleicht ein Paradigmenwechsel an? 

Widersprüche und empirische Beobachtungen, die die materialistische Naturwissenschaft nicht erklären kann, gibt es schließlich zuhauf. Im Themenbereich "Bewusstseinsforschung" und insbesondere im Themenbereich "Rätselhafte Anomalien" können Sie sich eingehend mit diesen Tatsachen befassen. Zugleich muss man allerdings in Rechnung stellen, dass weite Teile der Bevölkerung von diesen Widersprüchen keine Kenntnis nehmen oder sich nicht sonderlich an ihnen zu stören scheinen. Auch an den Universitäten sind sie kein Thema. Bislang gibt es darum keine Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Paradigmenwechsel. Nach wie vor betreibt die Naturwissenschaft „Normalwissenschaft“ und begnügt sich damit, Widersprüche und potenziell „gefährliche“ Erkenntnisse zu übergehen oder ihnen pauschal den Wahrheitsgehalt abzusprechen. Des Weiteren steht kein alternatives Paradigma bereit. Die Parapsychologie und weitere bewusstseinsbasierte Forschungsansätze (siehe die Rubrik "Bewusstseinsforschung") stecken noch in den Kinderschuhen und fristen an den Universitäten dieser Welt ein Schattendasein. Insofern wird dem Materialismus wohl weder aus der Gesellschaft noch aus der wissenschaftlichen Community der Gegenwind ins Gesicht schlagen, den es bräuchte, um ihn in eine paradigmatische Krise zu stürzen. Zumindest kurzfristig.

Das Potential zu einem Paradigmenwechsel bleibt prinzipiell dennoch bestehen, weil die eklatanten Widersprüche und all die nicht erklärbaren Phänomene, die Sie in Themenbereichen "Bewusstseinsforschung" und "Rätselhafte Anomalien" studieren können, ja trotzdem noch vorhanden sind und im Rahmen des vorherrschenden naturwissenschaftlichen Paradigmas auch künftig keine Lösung hierfür in Sicht scheint. Zudem lässt sich in der Bevölkerung spätestens seit den 1970er Jahren ein gewisser Trend zur Spiritualität ausmachen. Die Zahl derer, die sich mit Bewusstsein, Meditation, Yoga, fernöstlichen Weisheiten und dergleichen mehr beschäftigen, scheint doch eher zu- als abzunehmen. Mittel- bis langfristig ist ein Paradigmenwechsel insofern durchaus denkbar. Voraussetzung dafür wäre nicht nur eine entsprechende Empfänglichkeit in Gesellschaft und Wissenschaft. Entscheidend wäre auch, dass sich ein konsistentes Alternativparadigma mit einer besseren Erklärungskraft entwickelt. In Ansätzen könnten hier vielleicht die Welterklärungsmodelle von Thomas Campbell oder Burkhard Heim einen Ausgangspunkt bieten.

6) Weiterführende Informationen und Buchtipps: