Themenbereich
Philosophie & Wissenschaft

Geist über Materie? (3/4) 
Schopenhauers Theorie der Welt als Wille und Vorstellung


In diesm Artikel erfahren Sie, warum der Kant-Bewunderer Arthur Schopenhauer unsere physische Welt als "Vorstellung" bezeichnet, was es mit seinem Konzept des "Willens" auf sich hat und ob seine Metaphysik mehr leisten kann als diejenige Platons.


1) Schopenhauers Ausgangspunkt: Kants Grenzen der Erkenntnis

Der berühmte Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) interssierte sich wie kaum ein weiterer Philosophe für die Grenzen unserer Erkenntnis. 

Das Besondere an Kants Ansatz war, dass er sich dabei gar nicht so sehr auf das konzentrierte, was es zu erkennen gilt (die Welt), sondern auf das, was die Welt zu erkennen versucht (unser Verstand). Kant wollte wissen: Wie funktioniert unsere Wahrnehmung der Welt? Inwiefern filtert und interpretiert unser menschlicher Verstand durch die Art und Weise, wie er Sinneseindrücke aufnimmt und verarbeitet, die eigentliche Wirklichkeit?

Auf der Artikelseite "Grenzen der Wissenschaft aus Sicht der Philosophie" hatten wir uns Kants neuartigen Denkansatz mithilfe einer vereinfachenden Analogie klargemacht:

Ein Audioaufnahmegerät ist so konstruiert, dass es weder Bilder noch Gerüche, Temperatur, Luftdruck oder sonstige Informationen über die reale Welt erfassen kann. Der technische Bauplan dieses Gerätes erlaubt es einfach nicht, ein vollständiges Abbild der Realität aufzuzeichnen. Und nicht anders verhält es sich mit unserem menschlichen Wahrnehmungsapparat auch: Die speziellen „Konstruktionseigenschaften“ unseres Verstandes und unseres Sinnesapparates schaffen erst die Voraussetzungen und die Grenzen, innerhalb derer wir die Welt erfassen können. Wir könnten die Welt niemals adäquat abbilden, egal, wie schlau wir uns dabei anstellen würden. Vielmehr erschaffen wir unser Weltbild gemäß dem „Bauplan“ unseres Denk- und Wahrnehmungsapparates.

Wenn man bei Kant nachliest, was denn nun die typischen „technischen Bausteine“ unseres „Erkenntnisgerätes Verstand“ seien, stößt man auf hochinteressante Aussagen. Als zentrale Wahrnehmungsmechanismen identifizierte Kant zum Beispiel den Raum, die Zeit und auch die Kausalität. Raum, Zeit und Kausalität existieren demzufolge nicht unbedingt objektiv in der Welt, sondern nur als Erkenntniswerkzeuge in unserem Denken und Wahrnehmen. Schließlich können wir ja auch gar nicht anders, als uns Dinge im Raum vorzustellen. Dass „Nichts“ ist, können wir mit unserem Verstand gar nicht denken. Wir kommen auch nicht umhin, das Erlebte in Vergangenheit und Gegenwart einzuordnen und das Erwartete als Zukunft zu denken. Zeitlosigkeit, also Ewigkeit, ist schlicht nicht vorstellbar. Ein linearer Zeitverlauf liegt all unserer Weltwahrnehmung immer zugrunde. Ganz selbstverständlich denken wir außerdem in Begriffen von Ursache und Wirkung. Dass zum Beispiel die Bewegung einer Billardkugel ohne jegliche ursächliche Einwirkung erfolgen könnte, halten wir für ebenso unfassbar wie die Aufzeichnung farbiger Bilder durch ein Audioaufnahmegerät. Raum, Zeit und Kausalität bilden sozusagen die „technischen Voraussetzungen“, mit deren Hilfe wir unser Weltbild erst konstruieren.

Wenn Raum, Zeit und Kausalität aber als eine Art Wahrnehmungsfilter existieren und nicht unbedingt in der wirklichen Welt an sich, dann ist die gesamte von uns wahrgenommene Welt im Grunde eine von unserem Verstand erzeugte Vorstellung. 

Wie die Welt wirklich beschaffen ist, das können wir laut Kant niemals herausfinden. Unserer Erkenntnis sind absolute Grenzen gesetzt, die selbst die besten Wissenschaftler nicht durchbrechen können. Wissenschaft zu betreiben, bedeutet nach Kant bloß, die Dinge zu erforschen, wie sie sich „für uns“ darstellen, nämlich im vom Verstand „konstruierten“, dreidimensionalen und raumzeitlichen Universum. Was hinter den Erscheinungen des Universums steckt, was die „Dinge an sich“ ausmacht, das sei uns allen prinzipiell verborgen – und insofern aus Sicht von Immanuel Kant auch nicht weiter relevant:

„Was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht, und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.“ (Kant, Immanuel (Autor); Weischedel, Wilhelm (Hrsg.): Werkausgabe in 12 Bänden, Kritik der reinen Vernunft, Frankfurt 1977, B 333/334)

2) Wie Schopenhauer Kants Erkenntnisgrenzen überwand

Der in Danzig geborene und in Frankfurt verstorbene Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) bezeichnete Immanuel Kant als seinen wichtigsten Lehrer – und sich selbst nicht gerade bescheiden als dessen Vollender. Denn während Kant vor der Erkenntnis einer tieferen Wirklichkeit „kapitulierte“ (siehe obiges Zitat), glaubte Schopenhauer, sehr wohl eine Möglichkeit entdeckt zu haben, das Geheimnis allen Daseins zu lüften. Dabei tat er etwas, wogegen sich viele aufgeklärte Menschen im ersten Moment sträuben würden: Er stützte sich auf die Beobachtung seiner Gefühlswelt. Seit dem Aufkommen der modernen Wissenschaft war das Gefühl als irrationales, manipulierbares und subjektives Empfinden in Verruf geraten und wurde dementsprechend geringgeschätzt. Schopenhauer hingegen war der Meinung, dass sich gerade in unserer Gefühlswelt der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis des Seins offenbart.

Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ beginnt mit dem berühmten Satz „Die Welt ist meine Vorstellung“. Das entspricht in nur fünf Worten der Quintessenz der Erkenntnisphilosophie Immanuel Kants. Schopenhauer ergänzt hierzu:

„Es wird [...] deutlich, […] dass [der Mensch] keine Sonne kennt und keine Erde, sondern nur ein Auge, das eine Sonne sieht und eine Hand, die eine Erde fühlt; dass die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung da ist […].“  (Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Gesamtausgabe im dtv, München 2008, Erstes Buch: Die Welt als Vorstellung, S. 31)

Weil die uns umgebende Außenwelt bloß eine vorgestellte ist, wäre die naturwissenschaftliche Erforschung derselben natürlich überhaupt nicht zielführend, wenn es darum ginge, der dieser Vorstellungswelt zugrundeliegenden, tieferen Wahrheit auf die Spur zu kommen. Schopenhauer schlägt darum den philosophischen Blick nach innen vor – eben auf das, was unsere Gefühlswelt bestimmt.

Schauen wir in unser inneres Gefühlsleben hinein, müssen wir laut Schopenhauer feststellen, dass wir getriebene Wesen sind: 

Wir tragen einen „Willen“ in uns, der uns unser Leben lang zu aktiven Handlungen gleich welcher Art drängt. Wir sind aktiv, äußern uns, sind kreativ, begehren, verlangen, lieben, hassen, freuen uns, trauern, wollen geliebt werden und streben nach allerlei Zielen wie beruflichem Erfolg, wirtschaftlichem Reichtum, Anerkennung durch Freunde, Wissen, Macht, Freude, Glück oder sportlichen Siegen. In unserem Inneren waltet also ganz offensichtlich eine starke, treibende Kraft. Demnach sind wir immer zweierlei: Wir haben einen fleischlichen Körper, den wir uns allerdings nur mit unserem Verstand vorstellen (siehe Kant). Und was uns treibt, das ist der Wille. Beide gehören aber zusammen, weil beide zu uns gehören. Man könnte es so ausdrücken: Unsere Körper sind in Raum und Zeit ausgedehnte „Objektivationen“ des Willens, das heißt dessen äußerlich wahrnehmbare Ausgestaltungen. Der Wille zeigt und äußert sich sozusagen in Form fleischlicher Menschen in unserer Vorstellungswelt.
Doch der Wille „objektiviert“ sich nicht nur im Menschen. Schopenhauer war überzeugt, dass das Prinzip des „Willens“ hinter allen Erscheinungen unserer wahrnehmbaren Vorstellungswelt steckt. So zeige sich der Wille im Wachstum der Pflanzen ebenso wie in den Bewegungen der Planeten und in der vom Menschen geschaffenen Kunst und Musik. Letztlich äußere sich der Wille in unserer gesamten Erscheinungswelt. Das Geheimnis um die eigentliche Welt, um die von Kant für unergründlich erklärten „Dinge an sich“, scheint damit gelüftet: Die eigentliche Wahrheit, das Wesen der Welt, das könnte der „Wille“ sein. Und genau deshalb lautet der Titel von Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Demnach ist die Welt nichts anderes als die Erkenntnis des Willens durch sich selbst: Der Wille erkennt sich, indem er sich in Form des raumzeitlichen Universums samt seiner zahlreichen individuellen Objekte und Kreaturen manifestiert, von denen einige sodann in der Lage sind, sich selbst und ihre Umgebung wahrzunehmen.

Ein wenig erinnert diese philosophische Weltdeutung Schopenhauers an Platon, und zwar gleich mehrfach: Zum einen war Platon wie Schopenhauer der Meinung, dass hinter den Erscheinungen der uns umgebenden Außenwelt eine tiefere Wahrheit liegen müsse. Während Platon ein „Ideenreich“ mit der obersten Idee des „Guten“ postuliert, geht Schopenhauer von einem „Willen“ aus. Bei Platon wie auch bei Schopenhauer lässt sich das Universum als ein Ausdruck dieser jeweiligen metaphysischen Quelle interpretieren – und zwar mit Kreaturen, die dieser Quelle ebenbildlich entsprechen und in der Lage sind, das sie umgebende Universum auf begrenzte Art und Weise wahrzunehmen. Zudem war Platon wie Schopenhauer – und natürlich auch Kant – der Meinung, dass die Quelle, die hinter allen sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen steckt, intellektuell gar nicht erfasst werden könne. Während Kant daraus den Schluss zog, dass man über die tiefere Wahrheit hinter allen Erscheinungen („Ding an sich“) nichts sicher wissen könne, plädierte Platon ebenso wie Schopenhauer für einen innerweltlichen Zugang, um dem Wesen allen Seins auf den Grund zu gehen.

Wie Platons Philosophie erlaubt auch Schopenhauers Denkansatz, Antworten auf ungelöste Rätsel der Wissenschaft und Interpretationsmöglichkeiten für paranormale Phänomene abzuleiten. Die Herausbildung eines materiellen Universums als Objektivation eines immateriellen Willens geht mit der Beobachtung der Quantenphysik, wonach feste Teilchen an ihrer Entstehungsbasis scheinbar immateriell sind, grundsätzlich konform. Lebendigkeit und Bewusstsein sind für Schopenhauer kein Resultat von materiellen Prozessen, sondern Ausdruck des Willens selbst. Weil der Wille Materie lenkt und nicht umgekehrt, stirbt er nicht ab, wenn biologische Körper sterben. Er existiert weiter und bricht sich in neuen Formen Bahn. Somit ist Schopenhauers Theorie ebenso wie diejenige Platons anschlussfähig für den Reinkarnationsgedanken. Sofern wir alle „Ausstülpungen“ des einen, immateriellen Willens sind, sind wird außerdem in unserem Inneren auf subtile Weise miteinander verbunden. Dadurch rücken auch Phänomene wie Telepathie oder Jenseitskontakte in den Bereich dessen, was sich mit Schopenhauers Theorie interpretieren ließe – wenngleich Schopenhauer selbst von dieser Möglichkeit keinen expliziten Gebrauch macht. Auch das hat er mit Platon gemein.
In einem entscheidenden Aspekt unterscheidet sich Schopenhauer jedoch von Platon. Platon ging bekanntlich von einer obersten Idee des „Guten“ aus, die in seinen Augen nicht nur Wirkursache, sondern zugleich Zweckursache, also Ziel der gesamten Schöpfung sei. Das verleiht der Welt einen Sinn: Als Seelen, die nach dem Ebenbild des „Guten“ dessen Anlagen in sich tragen, streben wir Platon zufolge im Laufe unserer Reinkarnationen nach der Entfaltung eben dieser gutartigen Anlagen. Bei Schopenhauer hingegen folgt die Wiedergeburt keiner zielgerichteten Entwicklung. Denn den Willen charakterisiert Schopenhauer nicht als gut und auch nicht als vollkommen, sondern als ziellos, rastlos und unersättlich. 



3) Schopenhauers fragwürdiger Pessimismus

Da der Wille rastlos und ziellos ist, gleichen wir Menschen als dessen „Ausstülpungen“ getriebenen Wesen, die sich nicht unter Kontrolle haben:

 Wir können zwar tun, was wir wollen, wir können aber nicht wollen, was wir wollen. Und darum ist unser Leben für Schopenhauer eigentlich eine nie endende Leidensgeschichte. Ständig streben wir danach, unserem Willen zu entsprechen, jedoch ohne Aussicht auf eine dauerhafte Befriedigung desselben. Wenn wir unseren Hunger gestillt haben, kommt dieser bald wieder. Wenn wir unser sexuelles Verlangen befriedigt haben, meldet sich dieses nach einiger Zeit erneut. Wenn wir Macht, Ruhm und Anerkennung erlangt haben, wollen wir noch mehr davon. Und wenn wir glauben, alle Bedürfnisse gestillt zu haben, fühlen wir uns gesättigt und bekommen Langeweile – bis schon bald wieder ein neues Bedürfnis auftaucht.

Dem Menschsein wohnt in dieser Perspektive weder Sinn noch Zweck inne. Die Welt scheint irrational. Damit liefert Schopenhauer eine von Platon abweichende Antwort auf die Frage nach dem Leid in der Welt. Während Platon und viele Religionen die Bösartigkeit des Menschen als Resultat einer freien Entscheidung gegen das ursprünglich Gute deuten, existiert das Gute bei Schopenhauer gar nicht als fundamentale Kraft. Eine sinnlose Welt, in der ein triebhafter Wille nach Entfaltung drängt, bringt Egoismus und Machtstreben nun mal zwangsläufig mit sich.

Bei allem Pessimismus in Bezug auf die Sinnhaftigkeit des Daseins scheint es bei Schopenhauer aber auch ein Quäntchen Optimismus zu geben. In seinem Werk lassen sich gleich zwei Hintertüren ausmachen, durch die wir dem unersättlichen Streben und dem damit verbundenen Leid entkommen könnten:

Die erste Hintertüre ermöglicht eine vorübergehende Ausflucht. Sie besteht in einer zeitweiligen Abkopplung vom Willen in Form von Selbstvergessenheit. Das erreichen wir zum Beispiel dann, wenn wir gedankenlos in Kunst und Musik versinken oder schöne Naturlandschaften einfach auf uns wirken lassen. Dann verlieren wir uns unabhängig von Willenstrieben im Schönen. In dieser „ästhetischen Kontemplation“ kommen wir laut Schopenhauer zur Ruhe und es stellt sich eine tiefe Zufriedenheit ein.Die zweite Hintertüre erlaubt eine längerfristige Befreiung, erfordert dafür aber ein radikaleres Vorgehen, nämlich den bewussten Verzicht. Anstatt uns zum Sklaven unserer unersättlichen Bedürfnisse zu machen, könnten wir uns darin üben, die Nichterfüllung des Willens auszuhalten. So erreichen wir allmählich einen stabilen Zustand der ausgewogenen Ruhe, ein erfülltes Nichtstreben.

Die Frage ist nur: Wer oder was ist es denn im Menschen, der oder das ihn in die Lage versetzt, sich gegen den allgegenwärtigen Willen zu stemmen? Schopenhauers verblüffende Antwort: Der Wille selbst, denn nichts anderes kann es ja geben, wenn alles Seiende auf dem Prinzip des Willens basiert. Und so muss auch das, was wir „Intellekt“ oder „bewusste Reflexion“ nennen und was wohl die Voraussetzung dafür wäre, unseren Trieben Einhalt zu gebieten, dem Willen selbst entspringen. Tatsächlich deutet Schopenhauer den Intellekt als ein Vehikel des Willens. Laut Schopenhauer wurde er im Laufe der Evolution vom Willen hervorgebracht, um diesem zu dienen. Das kann er zum Beispiel tun, indem er Werkzeuge und Strategien entwickelt, die beim Überleben helfen. Mit seiner Weiterentwicklung habe der Intellekt dem Willen dann aber – sozusagen als unbeabsichtigte Nebenwirkung – auch ermöglicht, sich selbst zu erkennen und sich selbst infrage zu stellen. Seither könne der Wille sich im Menschen selbst verneinen und Entscheidungen treffen, die ihn an seiner eigenen Entfaltung hindern.

Die Ablehnung des Triebhaften aus dem Triebhaften selbst abzuleiten, erscheint uns allerdings fragwürdig. Weil Schopenhauer in seiner Philosophie aber keinen Platz für eine vom Willen unabhängige Quelle vernünftigen Handelns vorsieht, bleibt sie auf interessante Art und Weise eigentümlich: 

Unter Rückgriff auf Kant weist sie das materialistische Weltbild der Naturwissenschaft als naiv zurück und erkennt mit dem Willen ein immaterielles Prinzip hinter den Erscheinungen des Universums. Zugleich spricht Schopenhauer diesem immateriellen Prinzip aber jegliche Sinnhaftigkeit und moralische Qualität ab. Deshalb läuft sein Weltbild am Ende auf dieselbe Grundhaltung hinaus, die auch das von ihm abgelehnte naturwissenschaftliche Weltbild propagiert: Das Universum ist sinnlos.



4) Alles ist eins: Was blinder Wille mit Mitleid zu tun hat

Wie aber erklärt Schopenhauer, dass in einer Welt, die einem blinden, unersättlichen und unvernünftigem Willen folgt, Gutartigkeit und Liebe auftreten? Wieso gibt es zum Beispiel Menschen, die hilfsbereit sind und sich für Gerechtigkeit einsetzen?

Das Rätsel lässt sich lösen, wenn man sich erneut in Erinnerung ruft, dass es laut Schopenhauer nichts gibt, was unabhängig vom Willen existieren könnte. Alles, was wir sehen und anfassen können, sind mit Schopenhauer bloß verschiedene, individuelle „Objektivationen“ des einen Willens – so wie einzelne Tropfen in der Gischt einer Strandwelle allesamt „Auswürfe“ desselben Ozeans darstellen. Von dieser Einheit des Willens bis zur Erklärung von Liebe und Güte fehlt jetzt nur noch ein kleiner Schritt: Laut Schopenhauer ist es dem Willen nicht nur möglich, sich durch Introspektion in jedem Menschen selbst zu erkennen (mit der Möglichkeit sich abzulehnen, siehe oben). Es ist ihm auch möglich, sich durch Beobachtung und Empathie in anderen Menschen oder anderen Geschöpfen (zum Beispiel Tieren) zu erkennen. Gutartige Menschen sind also in dem Sinne empathischer, dass sie sich mehr als andere Menschen dessen bewusst geworden sind, dass sie im Kern dasselbe sind wie andere Menschen (oder gar Tiere) auch. Weil sie sich nicht mehr als abgetrennte Individuen, sondern in Gemeinsamkeit zu ihnen begreifen, können sie sich einfacher mit diesen identifizieren und Mitleid empfinden. Und genau das ist laut Schopenhauer der Grund für moralisch gute Handlungen: Wir helfen einem Ertrinkenden nicht deshalb, weil wir uns aus Pflichtbewusstsein dazu veranlasst fühlen, sondern weil wir in dem Ertrinkenden den gleichen Willen erkennen, der auch in uns selbst waltet.

Offen bleibt allerdings die Frage, warum nicht alle Menschen Mitleid empfinden und sich entsprechend gütig und hilfsbereit verhalten. Warum sind nur manche Menschen empathisch, andere aber nicht? Platon und Vertreter spiritueller Lehren würden wohl vermuten, dass der Grad des moralisch guten Verhaltens mit dem Reifegrad der seelischen Entwicklung zusammenhängt. Schopenhauer hingegen kann hier nur den Zufall ins Feld führen. Denn den Willen charakterisiert er ja als blind, rastlos und irrational.



5) Liebe als Resultat von Mitleid?

Dass wir im Kern alle eins sind, scheint eine unbestreitbare Wahrheit zu sein. Selbst die Naturwissenschaft wird dieser Wahrheit zustimmen müssen, wenngleich sich unsere Verbundenheit aus ihrer Sicht bloß auf den Sternenstaub als gemeinsame Ursubstanz unserer materiellen Körper beschränkt.

 Aufgrund der Informationen aus dem Themenbereiche "Bewusstseinsforschung" und "Rätselhafte Anomalien" liegt es allerdings nahe, dass sich unsere Verbundenheit weit über das Materielle hinaus in den metaphysischen Bereich erstreckt. Unklar ist nur, was genau diese Verbundenheit im Metaphysischen ausmacht.

Mitgefühl im Sinne einer Identifikation mit seinen Mitgeschöpfen geht zweifelsohne mit einem liebevollen Verhalten einher. 

Doch muss dasjenige, was sich da gegenseitig und miteinander als Eins erkennt, zwangsläufig etwas Triebhaftes, Blindes, Irrationales, Rastloses und Egoistisches sein? Und reicht bloßes Mitgefühl aus, um intensivste Formen der Liebe zu erklären, wie wir Menschen sie mitunter teilen?

Hier sind zumindest Zweifel angebracht – zumal es noch einen weiteren Aspekt der Liebe gibt, der sich mit Schopenhauer kaum plausibel einordnen lässt: die Selbstliebe. Selbstliebe ist hier nicht im Sinne eines rücksichtlosen Egoismus (Selbstsucht), sondern im Sinne einer bedingungslosen Selbstakzeptanz (Selbstachtung) gemeint. Wie würde liebevolle Selbstakzeptanz zu Schopenhauers Willen passen, der unersättlich, blind und rastlos nach Befriedigung seiner triebhaften Bedürfnisse strebt und dadurch ständiges Leid verursacht? Und falls der Wille sich im Menschen vernünftigerweise verneint, um sich zu bändigen – was bliebe dann eigentlich vom Selbst noch übrig, was sich akzeptieren könnte? Wie könnte sich ein Wille, der sich verneint, gleichzeitig akzeptieren? Wäre das nicht zutiefst widersprüchlich?

Eine Auflösung des Widerspruchs könnte erzielt werden, wenn man anstelle eines konstant egoistischen Willens eine geistige Kraft oder ein geistiges Prinzip annehmen würde, das sich entwickeln kann. Ein solches würde allein auf einer niedrigen Qualitätsstufe egoistisch wirken, im Laufe eines unterstellten Evolutionsprozesses aber eine höhere Qualität erreichen und sich dann entsprechend liebend und mitfühlend äußern. 

Spirituelle Lehren kennen solch einen Evolutionsprozess als „spirituelles Wachstum“. Ein ganz ähnliches Konzept vertritt auch der US-Physiker Thomas Campbell mit seiner Simulationstheorie - siehe hierzu die entsprechende Artikelsammlung "Ist Realität virtuell?"


6) Schopenhauer als „Türöffner“ 

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum wir Schopenhauer auf Matrixwissen.de eine ganze Artikelseite einräumen, wenn wir doch gegen Ende dieses Artikels grundlegende Aspekte seiner Philosophie infrage stellen. Nun, für rational denkende Suchende kann sich Schopenhauer als Einfallstor in ein spirituelles Weltbild erweisen:

Ohne sich der religiösen Verklärung und eines naiven Wunschdenkens verdächtig zu machen, liefert Schopenhauer anknüpfend an Immanuel Kant überzeugende Argumente, unser raumzeitliches und materielles Universum als Illusion beziehungsweise Projektion zu begreifen (Kant: „Ding für uns“; Schopenhauer: „Welt als Vorstellung“). Um herauszufinden, was hinter dieser Vorstellungswelt verborgen liegt, setzt Schopenhauer auf die Betrachtung der inneren Erfahrungswelt und stößt dabei auf die Einheit allen Seins. So schlägt Schopenhauer eine Brücke vom aufgeklärten westlichen Denken zur Spiritualität, die bekanntlich ebenfalls auf den Weg nach Innen baut und die gegenseitige Verbundenheit aller Aspekte des Daseins betont.

7) Weiterführende Informationen und Buchtipps