In diesm Artikel erfahren Sie, warum der Kant-Bewunderer Arthur Schopenhauer unsere physische Welt als "Vorstellung" bezeichnet, was es mit seinem Konzept des "Willens" auf sich hat und ob seine Metaphysik mehr leisten kann als diejenige Platons.
Ein Audioaufnahmegerät ist so konstruiert, dass es weder Bilder noch Gerüche, Temperatur, Luftdruck oder sonstige Informationen über die reale Welt erfassen kann. Der technische Bauplan dieses Gerätes erlaubt es einfach nicht, ein vollständiges Abbild der Realität aufzuzeichnen. Und nicht anders verhält es sich mit unserem menschlichen Wahrnehmungsapparat auch: Die speziellen „Konstruktionseigenschaften“ unseres Verstandes und unseres Sinnesapparates schaffen erst die Voraussetzungen und die Grenzen, innerhalb derer wir die Welt erfassen können. Wir könnten die Welt niemals adäquat abbilden, egal, wie schlau wir uns dabei anstellen würden. Vielmehr erschaffen wir unser Weltbild gemäß dem „Bauplan“ unseres Denk- und Wahrnehmungsapparates.
Wenn man bei Kant nachliest, was denn nun die typischen „technischen Bausteine“ unseres „Erkenntnisgerätes Verstand“ seien, stößt man auf hochinteressante Aussagen. Als zentrale Wahrnehmungsmechanismen identifizierte Kant zum Beispiel den Raum, die Zeit und auch die Kausalität. Raum, Zeit und Kausalität existieren demzufolge nicht unbedingt objektiv in der Welt, sondern nur als Erkenntniswerkzeuge in unserem Denken und Wahrnehmen. Schließlich können wir ja auch gar nicht anders, als uns Dinge im Raum vorzustellen. Dass „Nichts“ ist, können wir mit unserem Verstand gar nicht denken. Wir kommen auch nicht umhin, das Erlebte in Vergangenheit und Gegenwart einzuordnen und das Erwartete als Zukunft zu denken. Zeitlosigkeit, also Ewigkeit, ist schlicht nicht vorstellbar. Ein linearer Zeitverlauf liegt all unserer Weltwahrnehmung immer zugrunde. Ganz selbstverständlich denken wir außerdem in Begriffen von Ursache und Wirkung. Dass zum Beispiel die Bewegung einer Billardkugel ohne jegliche ursächliche Einwirkung erfolgen könnte, halten wir für ebenso unfassbar wie die Aufzeichnung farbiger Bilder durch ein Audioaufnahmegerät. Raum, Zeit und Kausalität bilden sozusagen die „technischen Voraussetzungen“, mit deren Hilfe wir unser Weltbild erst konstruieren.
„Es wird [...] deutlich, […] dass [der Mensch] keine Sonne kennt und keine Erde, sondern nur ein Auge, das eine Sonne sieht und eine Hand, die eine Erde fühlt; dass die Welt, welche ihn umgibt, nur als Vorstellung da ist […].“ (Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Gesamtausgabe im dtv, München 2008, Erstes Buch: Die Welt als Vorstellung, S. 31)
Weil die uns umgebende Außenwelt bloß eine vorgestellte ist, wäre die naturwissenschaftliche Erforschung derselben natürlich überhaupt nicht zielführend, wenn es darum ginge, der dieser Vorstellungswelt zugrundeliegenden, tieferen Wahrheit auf die Spur zu kommen. Schopenhauer schlägt darum den philosophischen Blick nach innen vor – eben auf das, was unsere Gefühlswelt bestimmt.
Die erste Hintertüre ermöglicht eine vorübergehende Ausflucht. Sie besteht in einer zeitweiligen Abkopplung vom Willen in Form von Selbstvergessenheit. Das erreichen wir zum Beispiel dann, wenn wir gedankenlos in Kunst und Musik versinken oder schöne Naturlandschaften einfach auf uns wirken lassen. Dann verlieren wir uns unabhängig von Willenstrieben im Schönen. In dieser „ästhetischen Kontemplation“ kommen wir laut Schopenhauer zur Ruhe und es stellt sich eine tiefe Zufriedenheit ein.Die zweite Hintertüre erlaubt eine längerfristige Befreiung, erfordert dafür aber ein radikaleres Vorgehen, nämlich den bewussten Verzicht. Anstatt uns zum Sklaven unserer unersättlichen Bedürfnisse zu machen, könnten wir uns darin üben, die Nichterfüllung des Willens auszuhalten. So erreichen wir allmählich einen stabilen Zustand der ausgewogenen Ruhe, ein erfülltes Nichtstreben.
Die Frage ist nur: Wer oder was ist es denn im Menschen, der oder das ihn in die Lage versetzt, sich gegen den allgegenwärtigen Willen zu stemmen? Schopenhauers verblüffende Antwort: Der Wille selbst, denn nichts anderes kann es ja geben, wenn alles Seiende auf dem Prinzip des Willens basiert. Und so muss auch das, was wir „Intellekt“ oder „bewusste Reflexion“ nennen und was wohl die Voraussetzung dafür wäre, unseren Trieben Einhalt zu gebieten, dem Willen selbst entspringen. Tatsächlich deutet Schopenhauer den Intellekt als ein Vehikel des Willens. Laut Schopenhauer wurde er im Laufe der Evolution vom Willen hervorgebracht, um diesem zu dienen. Das kann er zum Beispiel tun, indem er Werkzeuge und Strategien entwickelt, die beim Überleben helfen. Mit seiner Weiterentwicklung habe der Intellekt dem Willen dann aber – sozusagen als unbeabsichtigte Nebenwirkung – auch ermöglicht, sich selbst zu erkennen und sich selbst infrage zu stellen. Seither könne der Wille sich im Menschen selbst verneinen und Entscheidungen treffen, die ihn an seiner eigenen Entfaltung hindern.
Doch muss dasjenige, was sich da gegenseitig und miteinander als Eins erkennt, zwangsläufig etwas Triebhaftes, Blindes, Irrationales, Rastloses und Egoistisches sein? Und reicht bloßes Mitgefühl aus, um intensivste Formen der Liebe zu erklären, wie wir Menschen sie mitunter teilen?
Hier sind zumindest Zweifel angebracht – zumal es noch einen weiteren Aspekt der Liebe gibt, der sich mit Schopenhauer kaum plausibel einordnen lässt: die Selbstliebe. Selbstliebe ist hier nicht im Sinne eines rücksichtlosen Egoismus (Selbstsucht), sondern im Sinne einer bedingungslosen Selbstakzeptanz (Selbstachtung) gemeint. Wie würde liebevolle Selbstakzeptanz zu Schopenhauers Willen passen, der unersättlich, blind und rastlos nach Befriedigung seiner triebhaften Bedürfnisse strebt und dadurch ständiges Leid verursacht? Und falls der Wille sich im Menschen vernünftigerweise verneint, um sich zu bändigen – was bliebe dann eigentlich vom Selbst noch übrig, was sich akzeptieren könnte? Wie könnte sich ein Wille, der sich verneint, gleichzeitig akzeptieren? Wäre das nicht zutiefst widersprüchlich?