Themenbereich
Religion, Mythologie und Spiritualität

Die gemeinsame Metaphysik alter Mythen (1/4)
Die Entstehung der Welt


Wie sich alte Mythologien den Ursprung des Universums vorstellen: Von der Einheit zur Dualität - und von der Dualität zur Vielheit


1) Verbergen alte Mytholgien hilfreiches Wissen?

An geistige Welten und Wesen glaubten alle Menschen zu allen Zeiten. Davon zeugen die Mythologien historischer Völker. Sämtliche Mythologien im Rahmen dieser Artikelsammlung zu vergleichen, wäre in Anbetracht ihrer großen Zahl und Vielfalt weder möglich noch zielführend. Die Beschäftigung mit religiösen und mythologischen Erzählungen dient in diesem Themenbereich allein dem Zweck, tieferliegende Wahrheiten aufzuspüren, die sich mutmaßlich hinter solchen Glaubensinhalten verbergen.

Hintergrund dieser Mutmaßung sind die Erkenntnisse aus den Themenbereichen "Bewusstseinsforschung" und "Rätselhafte Anomalien", wonach es eine geistige Wirklichkeit sehr wahrscheinlich geben muss und vermutlich auch Möglichkeiten einer Dimensionen-übergreifenden Kommunikation bestehen (siehe hierzu zum Beispiel die EREAMS-Studie). Demnach ist es plausibel anzunehmen, dass medial begabte Menschen (Visionäre, Propheten, Seher, Magier, Mystiker, Hexen, Schamanen usw.) schon immer in Kontakt mit „höheren“ Dimensionen und Wesen gestanden haben und auf diese Weise „höheres“ Wissen erlangt haben könnten.

Freilich muss die Authentizität solcher vermeintlichen Informationsübertragungen umso stärker in Zweifel gezogen werden, je weiter sie zurückliegen und je unbekannter ihr Entstehungskontext ist. In der Hoffnung, aus den mannigfaltigen und fantasiereich ausgeschmückten Mythologien der Vergangenheit dennoch einen gemeinsamen Nenner als möglicherweise wahren Kern herausfiltern zu können, beschränken wir uns in diesem Artikel auf nur ganz wenige, grundlegende Muster, die sich unabhängig von Epoche und Kulturkreis in verschiedensten Mythologien wiederholen. Das tun wir im vollen Bewusstsein, keinerlei Gewissheit oder Beweisbarkeit bieten zu können. Um sich der metaphysischen Wirklichkeit aus einer möglichst breiten Perspektive anzunähern, möchten wir diesen Versuch trotzdem nicht ungenutzt lassen.

Vorab sei bemerkt, dass die mythologischen Welterklärungen vergangener Kulturen nicht so klar als Offenbarungen propagiert wurden wie die großen Weltreligionen. Eventuelle Propheten und Seher sind in den alten Mythologien selten namentlich überliefert. 

Wenn man sich die einschlägigen Heldensagen und die märchenhaften Geschichten von eifersüchtigen, Inzest treibenden und herrschsüchtigen Göttern durchliest, kann man sich außerdem nicht des Eindrucks erwehren, dass Mythologien zuvorderst großartige Werke menschlicher Dichtkunst darstellen, mit metaphysischer Wahrheit aber nur sehr wenig zu tun haben. In Anlehnung an den bekannten deutschen Religionskritiker Ludwig Feuerbach könnten wir fragen, ob sich die Menschen ihre Götter nicht einfach nach ihrem eigenen Bilde erschaffen haben, als dass umgekehrt ein Gott die Menschen nach seinem Bilde schuf.

Wer jedoch zwischen den Zeilen liest und anstelle der märchenhaften Erzählungen die dahinterliegenden Grundannahmen studiert, wird in allen Mythologien starke Ähnlichkeiten finden. Möglicherweise sind es eben diese Ähnlichkeiten, die dann doch auf eine metaphysische Wahrheit hindeuten, auf die Menschen zu allen Zeiten einen medialen beziehungsweise intuitiven Zugriff hatten – es sei denn, man möchte unterstellen, dass die im Grundsatz erstaunlich gleichartigen Glaubensinhalte nur zufällig übereinstimmen oder aber dass sie einer gleichartigen Bauweise unserer materiellen Gehirne geschuldet sind, in denen durch gleichartige biochemische und bioelektrische Prozesse jeweils gleichlautende Fantasievorstellungen entstehen. Erwarten Sie im Folgenden keine Heldensagen und keine Familienkonflikte zwischen Göttern. Stattdessen konzentrieren wir uns ausschließlich auf die impliziten Grundannahmen, die den jeweiligen Schöpfungsberichten zugrunde liegen.

2) Am Anfang war alles Eins...

Nahezu alle Mythologien der Menschheitsgeschichte verorten den Ursprung des Universums in einem einheitlichen Ganzen. Der japanische Schöpfungsmythos erzählt zum Beispiel von einem alles enthaltenden Ei. Andere Kulturen stellten sich das ursprüngliche All-Eine wie einen Ozean vor. Bei den Sumerern in Mesopotamien, der ersten bekannten Hochkultur der Weltgeschichte, wird dieser Ur-Ozean durch die Göttin „Nammu“ repräsentiert. Die alten Ägypter nannten den Ur-Ozean „Nun“, ein „Nicht-Sein“, das aber alle Möglichkeiten zur Schöpfung in sich birgt. Aus diesem Ur-Ozean stieg der Legende nach der Gott „Atum“ (später auch als „Re“ oder „Ra“ bezeichnet) als Ur-Schöpfer allen Seins hervor. Das Konzept eines noch undifferenzierten Potentials, aus dem heraus die Welt erschaffen wurde, kannten auch die alten Griechen: Das Chaos.

Die Perser glaubten nach den Lehren des Propheten Zarathustra, dass am Anfang eine ursprüngliche Leere bestand, in der nichts als die geschlechtslose Gottheit „Zervan“ existierte, welche die Fähigkeit zur Schöpfung besaß.

 Von einer ursprünglichen Leere gingen auch die germanischen Völker aus. Leer war dieses „Ginnungagap“ aber allenfalls im materiellen Sinne, bedeutet es wörtlich doch so viel wie „Raum der magischen Kräfte“.

Die Lakota-Indianer Nordamerikas nahmen eine leere Dunkelheit namens „Han“ an, in der „Wakan Tanka“ mit seinem schöpferischen Potential schlummerte. Mit „Wakan Tanka“ assoziierten sie eine geheimnisvolle Schöpferkraft, aus der alles hervorgeht, was ist. Insofern ähnelt „Wakan Tanka“ sehr dem chinesischen Tao beziehungsweise dem hinduistischen Brahman. Ein nahezu identisches Konzept vertraten die algonkinsprachigen Indianer, die vorwiegend auf dem Gebiet des heutigen Kanada und entlang der US-amerikanischen Ostküste lebten. Sie nannten den einheitlichen Schöpfergeist, der sich in allem Seienden manifestiert, „Manitu“ („Allumfassendes Geheimnis“). Auch die Pueblo-Indianer im Südwesten Nordamerikas gingen von einem allumfassenden „Ur-Geist“ aus. Sie nannten ihn „Awonawilona” („Der Eine, der alles enthält”).

Andere nordamerikanische Indianer hegten plastischere Vorstellungen von der Schöpfung. Eine häufige Erzählung handelt von der Erschaffung der Welt als Resultat des Hervorholens und Formens von Sand oder Schlamm aus dem Meeresboden durch eine „tauchende“ Gottheit. Symbolisch drückt diese Erzählung aber dasselbe Prinzip aus: Das undifferenzierte All-Eine (Ur-Meer) schließt das Potential zur Schöpfung ein (im Meeresboden), welches durch bewusste Absicht eines Schöpferwesens („Taucher“) entfaltet werden kann.

Die Mythologien Mittel- und Südamerikas erzählen ähnliche Geschichten. Laut den Inka war die Welt am Anfang in eine Dunkelheit gehüllt, ehe das Wesen „Viracocha“, die Personifizierung der Lebenskraft, das Universum schuf. 

Im Popol Vuh, dem heiligen Buch der Maya, begegnet uns wieder das Motiv eines stillen, leeren Ur-Meers, das am Anfang von nichts außer göttlichen Schöpfungskräften bewohnt wurde. Die Azteken glaubten an den ursprünglichen Schöpfergott Ometeotl („Zweigott“), der die zunächst noch ungetrennte weibliche und männliche Schöpferkraft in sich vereinte.

Ein aus männlicher und weiblicher Kraft zusammengesetztes Götterpaar bildet auch den Ausgangspunkt der indigenen Mythologie Neuseelands: Vor der Entstehung der Welt lagen gemäß dem Glauben der Maori die beiden Götter Ranginui (Vater Himmel) und Papatuanuku (Mutter Erde) Millionen Jahre in tiefster Finsternis und inniger Umarmung als eine feste Einheit beieinander.

Vergleichsweise abstrakt geht es bei den australischen Aborigines zu. Ihre Mythologie enthält keine personenhaften Götter, sondern sieht das Universum als immerwährenden Schöpfungsprozess aus der „Traumzeit“. Der Begriff „Traumzeit“ ist einer etwas irreführenden Übersetzung geschuldet, hat er doch gar nichts mit Schlafen und Träumen zu tun. Stattdessen bezeichnet er eine raum- und zeitlose Parallelwelt, aus der heraus unsere physische Realität laufend hervorgeht und mit der wir Menschen als Seelenwesen in unmittelbarer Verbindung stehen. So erinnert dieses „Traumzeit“-Konzept ein wenig an Platons Ideenwelt, an Burkhard Heims Transdimensionen X5 und X6 oder an Campbells nichtphysische Realitäten (NPMR).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass nahezu alle Mythologien der Menschheitsgeschichte den Anfang allen Seins in einem einheitlichen, noch undifferenziertem Potential verorten. 

Das deckt sich mit naturwissenschaftlichen Spekulationen, wonach dem Urknall eine sogenannte „Anfangssingularität“ vorausgegangen sein könnte. Anfangssingularität meint vereinfacht gesagt, dass das gesamte, sich in Ausdehnung begriffene Universum ursprünglich in einem einzigen, undifferenzierten Punkt vereint gewesen sein muss, der dann im Urknall sein gesamtes Potential ins All schleuderte. Der Unterschied zwischen dieser naturwissenschaftlichen Hypothese und den alten Mythologien liegt natürlich darin, dass die Naturwissenschaft keinen Geist kennt, der den Urknall aus einer eventuellen Singularität heraus verursacht haben könnte. In den Mythologien erfolgt Schöpfung hingegen – wie in den Religionen auch – durch bewusste Absicht eines geistigen Wesens. Weil naturwissenschaftlich unklar ist, wie aus einer völligen Einheit eine kosmische Expansion entstehen konnte, gilt das Konzept der Singularität unter Physikern als umstritten. Ein einheitlicher „Schöpfungspunkt”, so der berühmte Astrophysiker Steven Hawking, „wäre ein Ort, an dem die Wissenschaft kollabiert. Man müsste die Religion und die Hand Gottes zu Hilfe nehmen” – ein Albtraum für jeden Materialisten.

3) Aus Einheit werden Dualität und Vielheit

Der erste Akt bewusster Schöpfung handelt in fast allen Mythologien von einer Trennung, also von einer Ausdifferenzierung des zuvor Ungeteilten. Meistens entstehen auf diese Weise zunächst Himmel und Erde, wobei der Himmel übereinstimmend als männlich und die Erde als weiblich gedacht wird.

Sofern man Himmel und Erde wörtlich versteht, bestünde die Männlichkeit des Himmels wohl am ehesten im Spenden von Licht und Regen. Die weibliche Erde, auf deren fruchtbaren Boden Licht und Regen fallen, gebiert ihrerseits das Leben. Im übertragenen Sinne könnte man den „Himmel“ aber auch als die metaphysische, geistige Welt und die „Erde“ als physische, materielle Welt deuten. Von der geistigen Welt geht das Aktive, Belebende, Kraftvolle aus (männliches Prinzip), während die ruhende Materie Vitalität empfängt (weibliches Prinzip).

In den meisten Mythologien wird die Ausdifferenzierung des All-Einen durch Zeugungsakte und Konflikte abgebildet: Götter setzen Geschwisterkinder in die Welt, die sich streiten und trennen. Die Nachkommen zeugen weitere Nachkommen und so weiter. So entsteht eine kaskadenartige Hierarchie verschiedener Wesen, die aber alle einer gemeinsamen Quelle entspringen.

Schauen wir uns hierfür einige Beispiele an:

Bei den Maori in Neuseeland wurden Ranginui (Vater Himmel) und Papatuanuku (Mutter Erde), das vereinheitlichte Götterpaar, durch den eigenen Nachwuchs auseinandergetrieben, weil es diesem zwischen seinen Eltern zu eng wurde. Nachdem seine Geschwister beim Versuch, Vater und Mutter voneinander zu trennen, scheiterten, stemmte Tanemahuta, der Gott des Waldes, die beiden mit seiner gewaltigen Kraft erfolgreich auseinander.
In der aztekischen Mythologie war es der androgyne Gott „Ometeotl“, der aus sich selbst heraus vier Götter als Nachkommen gebar, welche wiederum weitere Götter hervorbrachten, die durch ihre Verschiedenheit in einem dynamischen Zusammenspiel die Schöpfung vorantrieben.
Im Popol Vuh der Maya vollzieht sich die Schöpfung infolge eines Dialogs zwischen den Göttern „Gucumaz“ (Herz der Erde) und „Huracen“ (Herz des Himmels). Zahlreiche nordamerikanische Mythologien erzählen, wie bei der Erschaffung der Welt durch einen Ursprungsgott weitere Götter oder Wesen entstanden, die jeweils positive oder negative Eigenschaften besaßen.
Die Idee unterschiedlich gepolter Götter finden wir auch bei den Zoroastriern: Der persische Schöpfergott „Zervan“ gebar die Zwillinge „Ahura Masda“ und „Ahriman“, wobei ersterer die Weisheit, das Licht und die Schöpferkraft verkörpert, der zweitgenannte hingegen das Böse und das Leid.
Nicht zwei, sondern gleich fünf Gottheiten gingen aus dem anfänglichen Chaos der griechischen Mythologie hervor. Von diesen fünf Gottheiten gebar aber nur die Erdgöttin „Gaia“ Nachkommen, die wiederum weitere Nachkommen zeugten, bis hin zu den olympischen Göttern unter der Führung von Zeus.
Bei den Ägyptern zeugte der Schöpfergott „Atum“ (später auch als „Re“ oder „Ra“ bezeichnet) eine breite Nachkommenschaft, indem er seinen Samen über die Leere verteilte. Die Nachkommen lieferten sich ähnlich wie die griechischen Götter Eifersuchtsdramen und Machtkämpfe, die schlimmstenfalls sogar in heimtückischen Morden endeten.
Ungesittet ging es manchmal auch bei den sumerischen Göttern zu. Und auch bei den Sumerern entstand die Welt infolge einer Spaltung durch Zeugung: Die Urgöttin „Nammu“ gebar den männlichen Himmelsgott „An“ und die weibliche Erdgöttin „Ki“, die zusammen weitere Götter als Nachkommen zeugten. 

Deutet man die Vielfalt und die unterschiedlichen Hierarchieniveaus der personenhaften Götter als symbolische Repräsentationen der Vielgestaltigkeit und unterschiedlichen Größenordnungen innerhalb des Universums, verdeutlicht dies zugleich den fraktalen Charakter der Schöpfung:

So wie die Nachkommen das Erbgut ihrer Erzeuger in sich tragen, tragen sämtliche Erscheinungen des Universums zugleich auch das Wesen ihrer Ursprungsquelle in sich. Jeder noch so kleine Bestandteil der Schöpfung beinhaltet insofern einen Teil des Ganzen. Das Konzept vom fraktalen Aufbau des Universums trifft auch auf solche Mythologien zu, die wie diejenigen der Aborigines oder vieler nordamerikanischen Indianer anstelle Inzest treibender und streitender Götter eine allumfassende, abstrakte Schöpferkraft unterstellen. Hier zeigt sich das Ursprüngliche sogar ganz unmittelbar in jeder Einzelerscheinung, wohnt ein unterstellter Ur-Geist im Glauben dieser indigenen Völker doch gleichsam „pantheistisch“ der gesamten Natur inne. Jedes Geschöpf repräsentiert dann einen Ausschnitt des Ganzen.

Die Weltentstehung als Weg von der Einheit zur Vielfalt geht in nahezu allen Mythologien mit Konflikt einher: Die Schöpfergötter bringen Nachkommen mit unterschiedlichen Gesinnungen und Zuständigkeiten hervor, aus denen Spannung und Dynamik resultieren. Im übertragenen Sinne mag sich diese Spannung sowohl in der Natur abbilden (Wärme – Kälte, Sonne – Regen, Licht – Schatten, Tag – Nacht, Ebbe – Flut, Nordpol – Südpol, Proton – Elektron, Schwerkraft – Fliehkraft) als auch in den emotionalen Zuständen und Beziehungen zwischen uns Menschen (Freude – Trauer, Zuneigung – Hass, Vertrauen – Angst, Hoffnung – Verzweiflung).

Wie im Zuge der Ausdifferenzierung eigentlich der Mensch erschaffen wurde, erfahren Sie auf der nächsten Artikelseite.

4) Weiterführende Informationen und Buchtipps