Woher sollten verschiedene Körperzellen, die durch Teilung identischer Ausganszellen entstehen, wissen, ob sie diese oder jene Form entwickeln müssen? Warum bilden Zellen mal Arme, mal Beine, mal ein Auge und mal eine Niere aus? Woher erhält die Materie, aus der unser Körper zusammengesetzt ist, ihre „Bauanweisung“?
Wenn ein bestimmter Organismus wie der menschliche Körper in seiner Evolution begriffen ist, dann erhält er nach Sheldrake seine „Bauanleitung“ aus einem entsprechenden morphogenetischen Feld. Das morphogenetische Feld strukturiert und organisiert die Atome und Moleküle dieses Organismus derart, dass dieser die ihm typische Gestalt annimmt.
In gewisser Weise erinnert diese Hypothese an Platon und sein Konzept der Ideen. Auch Platon fragte sich, was die Materie dazu bringt, sich in verschiedenen Formen zu manifestieren. Dabei fiel ihm auf, dass sich manche Strukturen sehr ähnlich sind. Bäume zum Beispiel mögen zwar im Detail sehr verschieden sein, im Grunde sind sie dennoch alle gleich: Sie verfügen über Wurzeln, einen Stamm, Äste und Blattwerk. Allen Bäumen scheint also ein gleiches Grundkonzept zugrunde zu liegen. Das Gleiche ließe sich von menschlichen Körpern, aber auch von Grashalmen, Fischen oder Katzen sagen. Auch nichtbiologische Erscheinungen wie Kristalle, ganze Gebirge oder gar Sterne ähneln sich. Platon vermutete daher gemeinsame, abstrakte Grundmuster als „Blaupausen“ für die Herausbildung konkreter Einzelexemplare. Platon nannte diese Muster „Ideen“. Diese verortete er nicht im materiellen Universum selbst, sondern als formgebende Prinzipien jenseits von Raum und Zeit. Als „metaphysische Baupläne“ strukturieren und organisieren diese „Ideen“ die physische Materie.
Da es sich bei den morphogenetischen Feldern nicht um Kraftfelder, sondern um reine Informationsfelder handelt, kann hier offenbar keine Übertragung von physikalischer Energie stattfinden. Sheldrake postuliert darum einen physikalisch nicht greifbaren Übermittlungsprozess, den er „morphische Resonanz“ nennt. Man kann morphische Resonanz weder sehen noch messen. Man kann sie sich laut Sheldrake nur indirekt durch ihre Auswirkungen erschließen. Angeblich kann man solche Auswirkungen auch experimentell nachweisen – dazu später mehr.
Bei der Informationsübertragung mittels morphischer Resonanz herrscht stets ein gewisser Spielraum. Morphogenetische Felder sind laut Sheldrake „probabilistisch“, sie bilden bestimmte Strukturen also nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus. So sorgen sie dafür, dass zwar immer die typische Gestalt hervorgebracht wird, jedoch nicht unbedingt in genau derselben Weise. Deshalb sehen Bäume und sogar einzelne Blätter, wenngleich sie im Allgemeinen über dieselben Grundmerkmale verfügen, im Detail alle anders aus.
Doch woher stammt der formbildende „Strukturplan“ eines morphogenetischen Feldes überhaupt? Sheldrakes verblüffende Antwort: Der „Strukturplan“ wurde ebenfalls durch morphische Resonanz übermittelt – und zwar aus der umgekehrten Richtung. Ein morphogenetisches Feld entnimmt seinen „Strukturplan“ stets aus der Gestalt der bestehenden und früheren Organismen. Morphische Resonanz gleicht also keinem Einbahnstraßenverkehr. Es ist ja eben nicht so, dass wie bei Platons Ideen der „Strukturplan“ für einen bestimmten Organismus schon immer da war. Stattdessen sind morphogenetische Felder dynamisch, das heißt wandelbar. Die wahrscheinlichkeitsbedingten Varianten der Ausgestaltung von konkreten Organismen (siehe oben: Felder sind „probabilistisch“) beeinflussen demnach die Struktur des entsprechenden morphogenetischen Feldes derart, dass es sich Veränderungen anpasst. Folglich beeinflusst jeder heutige Baum und jeder heutige Mensch in seiner heutigen Erscheinung das Aussehen künftiger Bäume und Menschen, so wie jede Veränderung in der Vergangenheit das Aussehen heutiger Bäume und Menschen prägte. Und genau das ist der Grund, warum sich die Gestalt von Organismen im Laufe der Evolutionsgeschichte allmählich verändert.
Man könnte auch etwas lapidar formulieren, ein morphogenetisches Feld gleiche einem „Gedächtnis“, in das die Gestaltinformationen der vorherigen Organismen abgespeichert und aus dem die Baupläne künftiger Organismen abgerufen werden. Dabei liegt eine physikalisch gesehen unerklärliche Ursache-Wirkungs-Beziehung vor, die Raum und Zeit überbrückt: Ein Körper, der heute existiert, kann die Form eines anderen, künftigen Körpers beeinflussen, ohne aber in einer physikalischen Wechselwirkung zu ihm zu stehen. Die Auswirkung erfolgt indirekt und zeitversetzt über eine Veränderung des morphogenetischen Feldes mittels morphischer Resonanz.
Eine entscheidende Frage bleibt dann aber noch offen: Wenn die Strukturinformation eines morphogenetischen Feldes auf Gewohnheiten basiert, sich also aus der Struktur vorheriger Körper speist – wie ist dann eigentlich die erste Struktur beziehungsweise das erste Feld entstanden?
Hierauf, so schreibt Sheldrake, ist eine wissenschaftliche Antwort nicht möglich. Für ihn ist klar, dass mit jeder neuartigen Struktur ein neues Feld entstehen muss, sodass jedes Mal, wenn ein neuer Organismus hervorgebracht wurde, auch ein entsprechendes Feld entstand, das die Formbildung jenes Organismus fortan stabilisierte, indem sich künftige Exemplare nach diesem Feld ausrichteten und das Feld ihrerseits erneut prägten. Wie aber neuartige Strukturen und mit ihnen neuartige Felder erstmals in die Welt kamen, müsse offenbleiben:
Sheldrake merkt umgehend an, dass diese Ungewissheit nicht als eine Schwäche seiner Theorie ausgelegt werden darf, weil dieselbe Ungewissheit grundsätzlich in Bezug auf alle Felder gilt, mit denen sich Physiker befassen. Warum es zum Beispiel ein Gravitationsfeld gibt und wie der Magnetismus in die Welt kam, kann auch niemand sagen. Diese Phänomene sind einfach da. Wissenschaft kann nicht mehr tun, als die Existenz dieser Phänomene aufzudecken und ihre Wirkungen zu beschreiben. Die Klärung der allerersten Ursachen weist über die Physik hinaus und ist darum Gegenstand der Metaphysik.
„… die morphogenetischen Felder [sind] hierarchisch gestaffelt: [Diejenigen] von Organellen – beispielsweise des Zellkerns, der Mitochondrien und der Chloroplasten – wirken, indem sie die in ihnen ablaufenden physikochemischen Prozesse regulieren. Diese Felder sind Gegenstand übergeordneter Felder von Zellen, d.h. sie werden von ihnen bestimmt; die Felder von Zellen werden wiederum von denen der Gewebe bestimmt, die der Gewebe von denen der Organe und die der Organe schließlich von dem morphogenetischen Feld des Organismus als eines Ganzen. Auf jeder Ebene wirken Felder dadurch, dass sie Prozesse, die sonst unbestimmbar wären, auf bestimmte Weise regulieren.“ (Sheldrake, Rupert: Das schöpferische Universum. Die Theorie des Morphogenetischen Feldes. Eine revolutionäre Theorie über das Universum, Berlin 2009, S. 133)
So kommt es, dass sich die Atome und Moleküle in Pflanzen genauso verhalten, wie es erforderlich ist, damit die Pflanze als Ganzes wachsen und gedeihen kann. Nach demselben Prinzip verhält es sich bei uns Menschen: Ohne die ordnende Funktion hierarchisch angeordneter Felder würden unsere materiellen Bausteine unkoordiniert als Einzelelemente vorhanden sein, aber keinen hochstrukturierten Organismus hervorbringen. Die „oberen“ Felder beinhalten die „unteren“ Felder und lenken diese nach ihren Zwecken.