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Philosophie & Wissenschaft

Sheldrake's morphische Felder (2/4) 
Morphische Felder in Natur, Geist und Gesellschaft?


Wie Sheldrakes sein Konzept der Feldinformation auf Naturgesetze, Bewusstsein und soziale Beziehungen übertrug und damit die Deutungsmuster der klassischen Wissenschaft sprengte


1) Von morphogenetischen zu weiteren morphischen Feldern

Bereits in seinem Urspringswerk „Das schöpferische Universum“ (siehe vorige Artikelseite) wagte Sheldrake den Sprung über die Biologie hinaus, als er seine Hypothese auch auf die Formbildung unbelebter Materie anwandte, zum Beispiel auf die Herausbildung von Kristallen wie Minerale oder Schneeflocken. 

Eine weitere Ausdehnung vollzog Sheldrake 1988 in seinem Buch „Das Gedächtnis der Natur“, wo er das Prinzip der morphischen Resonanz zur Charakterisierung der Naturgesetzte nutzte: Vermeintliche Gesetze und Naturkonstanten wie die Lichtgeschwindigkeit seien demnach gar keine Konstanten, sondern eher so etwas wie gewohnheitsmäßige Regeln, die ähnlich wie biologische oder kristalline Formen durch die Resonanz mit einem entsprechenden Feld stabilisiert werden. Weil ein Feld aber wie im vorigen Artikel über die morphogenetischen Felder beschrieben nicht deterministisch, sondern probabilistisch wirkt, sind kleine Veränderungen im Zeitablauf möglich. Deshalb dokumentieren unterschiedliche Messresultate (zum Beispiel für die Lichtgeschwindigkeit oder die Gravitationskonstante) nach Sheldrakes Interpretation keine Messungenauigkeiten, sondern tatsächliche Schwankungen.

Sodann folgten weitere Ausweitungen des Konzepts der ordnenden Wirkung durch Felder, zum Beispiel auf die Herausbildung von Planeten, Sternen und Galaxien sowie auf das soziale Verhalten von Tierpopulationen, auf das gesamtgesellschaftliche Zusammenwirken von Menschen und sogar auf den menschlichen Geist. Felder, die die Strukturierung von Tierpopulationen oder menschlichen Gesellschaften steuern, nennt Sheldrake nicht morphogenetische Felder, sondern soziale Felder oder kulturelle Felder. Felder, die unsere Gedankenwelt organisieren, nennt er mentale oder geistige Felder. Weil all diese Felder strukturierend wirken, fasst Sheldrake sie unter dem gemeinsamen Oberbegriff morphische Felder zusammen. Morphé stammt aus dem altgriechischen und bedeutet „Gestalt“ oder „Form“. Die morphogenetischen Felder, denen Sheldrakes ursprüngliches Interesse galt, stellen also letztlich nur eine spezielle Unterkategorie von morphischen Feldern dar.

Laut Sheldrake nehmen morphische Felder in verschiedensten Ausprägungen Einfluss auf sämtliche Vorgänge unseres Universums. Und so hat Sheldrake kurzerhand ein umfassendes Modell entworfen, mit dem sich nicht nur biologische, sondern sogar gesellschaftliche und mentale Prozesse interpretieren lassen. Stets greift dabei das Prinzip der Hierarchie, wonach höhere Felder in die unteren hineinwirken und die unteren Einheiten dazu bringen, sich den Wirkungen der übergeordneten Felder anzupassen. Und stets greift dabei das Prinzip der morphischen Resonanz, welches Teilelemente und Individuen jeweils mit „seinen“ ordnenden Feldern in Wechselwirkung treten lässt.



2) Beispiele für die Wirkung morphischer Felder aus Sheldrakes Sicht

Schauen wir uns hierfür einige Beispiele an. Woher weiß etwa eine einzelne Termite, wann sie welche Aufgabe in einem komplexen Termitenstaat auszuüben hat? Wie schaffen es diese kleinen, blinden Tierchen, in koordinierter Vorgehensweise ihre Hügel zu errichten?

Nach Sheldrake steht jedes einzelne Tier mit einem übergeordneten sozialen Feld in Resonanz, das sein Verhalten entsprechend ausrichtet. Auch die Schwarmbewegungen von Vögeln oder Fischen führt Sheldrake auf morphische Resonanz der einzelnen Tiere mit entsprechenden Verhaltensfeldern zurück.

Ähnlich verhält es sich bei menschlichen Kulturen. Kollektive Überzeugungen, Wissen und Verhaltensweisen, die wie gemeinschaftliche Bande unser Zusammenleben organisieren und stabilisieren, werden laut Sheldrake aus der Resonanz der Mitglieder einer Gesellschaft mit einem übergeordneten sozialen Feld gewonnen.

Heranwachsende Generationen werden in probabilistischer Weise durch das bestehende Feld geprägt. Variationen in den Verhaltensweisen neuer Generationen wirken durch morphische Resonanz auf die Informationsstruktur des Feldes zurück und verstärken damit die Wahrscheinlichkeit eines neuerlichen Auftretens derselben Verhaltensweisen bei weiteren Menschen und bei der nachkommenden Generation. Je häufiger eine bestimmte Denk- und Verhaltensweise praktiziert wird und je mehr Menschen sich daran beteiligen, desto stärker wirkt das Feld auch auf andere, bislang nicht daran beteiligte Menschen. So erklärt sich Sheldrake gesellschaftlichen Wandel.

Wenn Sheldrakes Behauptung stimmt, sind wir Menschen durch ein unsichtbares soziales Feld miteinander verknüpft. Was wir denken und tun, bleibt dann nicht ohne Folgen für andere Menschen, selbst dann, wenn wir mit diesen Menschen in keinerlei physischem Kontakt stehen. Durch morphische Resonanz mit unserem übergeordneten sozialen Feld, auf das jeder von uns einwirkt und durch das wir alle geprägt werden, treten wir dennoch in eine Verbindung zueinander.
Überträgt man diesen Gedankengang nun von der sozialen Verhaltensebene auf eine rein geistige Bewusstseinsebene, können wir Sheldrakes Theorie ein erstes Mal nutzen, um uns paranormale Phänomene begreiflich zu machen.



3) Morphische Felder und Gedächtnis

In der Naturwissenschaft wird das Bewusstsein als zufälliges Nebenprodukt biochemischer und bioelektrischer Vorgänge im Gehirn gedeutet – ohne das hierfür ein Beweis erbracht werden kann. 

Sheldrakes Konzept ermöglicht eine alternative Interpretation unserer geistigen Tätigkeiten. Demnach ließe sich unsere Gedankenwelt als ein morphisches Feld interpretieren, das gemäß dem Prinzip der hierarchischen Verschachtelung mit unserem Gehirn in Wechselwirkung steht und dessen Aktivitätsmuster steuert.

In der Artikelsammlung "Wo steckt unser Bewusstsein?" im Themenbereich "Bewusstseinsforschung" finden Sie Artikelseiten, in denen ein Modell vorgestellt wird, das das Zusammenwirken von physischem Gehirn und einem als immateriell und separat angenommenem Bewusstsein anschaulich erklärt. Demnach wäre das Gehirn nichts weiter als eine Art Transmitter für das Bewusstsein, das heißt ein Sender und Empfänger: Es nimmt Sinneseindrücke aus der physischen Umwelt auf und leitet sie an das immaterielle Bewusstsein weiter. Umgekehrt empfängt es Reaktionen vom immateriellen Bewusstsein, die es dann körperlich ausführt. Das ist vergleichbar mit einer Tastatur (Sender), die Informationen an einen Computer sendet, oder mit einem Bildschirm (Empfänger), der etwas manifestiert, was der Computer ihm übertragen hat. Der Computer steht hier jeweils sinnbildlich für das Bewusstsein. Er ist nicht nur die eigentliche „Schaltzentrale“, die das Gehirn steuert, er ist auch derjenige Ort, an dem sämtliche Daten gespeichert werden. Das dient als Analogie zum Gedächtnis: So wie Fotos, Videos und Texte auf der Festplatte des Computers gespeichert werden und nicht etwa auf der Tastatur oder im Monitor, befinden sich unsere Erinnerungen nicht im Gehirn, sondern werden aus dem immateriellen Bewusstsein abgerufen. Funktionsbeeinträchtigungen im Gehirn, zum Beispiel durch Demenz, zerstören darum nicht das Gedächtnis und schmälern auch nicht die Fähigkeiten des Bewusstseins als solches. Sie beschädigen allein den „Transmitter“ und verhindern damit den korrekten Abruf von Erinnerungen aus ihrer eigentlichen Quelle.

Auch Sheldrake deutet unser Gehirn als eine Art Transmitter. In seinem Modell greift das Gehirn mittels morphischer Resonanz Information aus einem morphischen Feld ab, nämlich aus einem mentalen Bewusstseinsfeld, das unser Gehirn umhüllt und durchdringt. Wie wir es von den Strukturinformationen der morphogenetischen Felder kennen, waren diese Informationen zuvor auch durch morphische Resonanz in das Feld eingegangen. Unser Gedächtnis und unser gesamtes Selbstbild ergeben sich insofern aus dem Prinzip der morphischen Resonanz, wonach der Informationsgehalt eines Felds sich aus den vergangenen Strukturen speist und die folgenden Strukturen in dieselbe Richtung beeinflusst: Unsere heutige Gedankenwelt ist derjenigen ähnlich, die wir gestern und vorgestern hatten und prägt auch unsere morgige Gedankenwelt. Wenn wir uns an etwas erinnern, dann resonieren wir laut Sheldrake mit unserem alten Ich, also mit unserer alten Gedankenwelt, die unserer heutigen ähnlich ist (siehe hierzu auch das nachstehende Video). Wie Sheldrake seine Thesen experimentell zu belegen versuchte, erfahren Sie auf der nächsten Artikelseite.

VIDEO: Interview mit Rupert Sheldrake

26:13 englisch, deutsche Übersetzung

In diesem Video erklärt Rupert Sheldrake, wieso Bewusstsein seiner Meinung nach über den Körper hinaus wirkt.

4) Weiterführende Informationen und Buchtipps