Als Wissenschaftler war Sheldrake immer viel daran gelegen, seine Thesen auch experimentell zu überprüfen. Was aus seiner Sicht erfolgreich gelang, wird von Kritikern bezweifelt. In diesem Artikel stellen wir beide Sichtweisen gegenüber.
Erstens müssen unsere Gedankenfelder, die unser Gehirn umhüllen und in ihm wirken, weit über das Gehirn hinausreichen, ähnlich wie sich zum Beispiel das Gravitationsfeld der Sonne weit über die Sonne hinaus ins Weltall erstreckt. Nur so kann man in Gedanken andere Menschen erreichen, die sich an anderen Orten befinden. Zweitens – und das erklärt die Bedeutung des Glaubens für das Gelingen der Experimente – sind gezielte Aufmerksamkeit und Absicht die Faktoren, die darüber entscheiden, ob unsere Gedankenfelder mit anderen Gedankenfeldern in Verbindung treten oder nicht. Je überzeugter und klarer unsere Absicht ist, desto stärker wird die Verbindung der mentalen Felder ausfallen. Wer hingegen keine echte Überzeugung aufbringt, dem könnte diese Verbindung misslingen. Prinzipiell funktionieren Anstarr-Experimente demnach durchaus. Sie lassen sich aber wissenschaftlich nicht zuverlässig reproduzieren, sofern es sich bei den Teilnehmern und Experimentatoren um skeptische Zweifler wie Richard Wiseman handelt.
Wenn zum Beispiel ein Hundehalter auf der Heimfahrt von einem längeren Einkauf noch kilometerweit entfernt in seinem Auto unterwegs ist, könnte sein Hund bereits aufgeregt mit wedelndem Schwanz vor der Haustüre auf- und ablaufen – und zwar unabhängig von der Uhrzeit. Eine Art „innere Uhr“ scheidet damit als mögliche Erklärung für dieses Verhalten aus. Auch der Geruchssinn kann bei großen Entfernungen nicht als Erklärung herangezogen werden. In seinem Buch „Der siebte Sinn der Tiere“ hat Sheldrake diese und weitere ungewöhnliche Verhaltensweisen von Tieren untersucht, um sie erneut mithilfe seiner Theorie der morphischen Felder zu deuten: Ähnlich wie bei den Anstarr-Experimenten unterstellt er eine Verbindung mentaler Felder, in diesem Fall zwischen Herrchen und Haustier. Sofern mentale Felder weit über das Gehirn hinausreichen, gelingt diese Verbindung auch über große Distanzen.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl von Mensch und Haustier ermöglicht erst die Verbindung ihrer mentalen Felder. Mit fremden Menschen wird ein Haustier hingegen kaum in gedankliche Resonanz treten. Gleiches gilt für Menschen untereinander. Je näher Menschen sich emotional stehen, desto einfacher sollte die telepathische Verbindung selbst über große räumliche Distanzen hinweg funktionieren. Davon zeugen auch Telefonversuche, die Sheldrake mit Menschen auf verschiedenen Kontinenten durchgeführt hat. Darin wollte er einem Phänomen auf den Grund gehen, das viele Menschen kennen: Man denkt an eine bestimmte Person – und schon klingelt das Telefon und genau diese Person ruft an. Alles Zufall? Für Sheldrake nicht: Er sieht hierin die Wirkung mentaler Felder. Die Absicht des Anrufers, mit einer ihm nahestehenden Person in Kontakt zu treten, wird von eben dieser Person registriert, und zwar unabhängig davon, ob sich diese Person im Raum nebenan oder auf einem anderen Kontinent aufhält.
Wenn man Küken mittels klassischer Konditionierung beibringen würde, dass bestimmte Körner Übelkeit verursachen, würden spätere Generationen von Küken diese Körner gar nicht erst probieren wollen. Im Labor des Skeptikers Steven Rose in London startete im Jahr 1992 ein entsprechendes Experiment: Täglich wurde neugeborenen Küken eine Leuchtdiode vorgesetzt. Die Küken pickten nach dieser Leuchtdiode, so wie sie auch nach verschiedenen anderen auffälligen Objekten pickten, die sich in Reichweite befanden. Dann kam die klassische Konditionierung ins Spiel: Nachdem die Küken nach der Leuchtdiode gepickt hatten, wurde ihnen eine Substanz injiziert, die eine leichte Übelkeit verursachte. Wenig überraschend rührten die Küken die Leuchtdiode danach nicht mehr an. Einer Kontrollgruppe von Küken wurde statt der Leuchtdiode eine verchromte Perle vorgelegt. Nachdem die Küken danach pickten, wurde ihnen eine harmlose Salzwasserlösung injiziert. Weil die Küken dies offenbar nicht als schlimm empfanden, pickten sie weiterhin nach der kleinen Perle. Mit der Zeit passierte dann genau das, was Sheldrake vorhergesagt hatte: Spätere Generationen von Küken pickten, nachdem sie geschlüpft waren, nicht mehr so häufig nach der Leuchtdiode. Bei der Kontrollgruppe mit der verchromten Perle zeigte sich derweil keine Veränderung.
Ist das also der Beweis, dass Sheldrakes morphische Felder existieren? Haben die neuen Küken-Generationen mittels morphischer Resonanz von den älteren Generationen gelernt? Wurde das Wissen um die Übelkeit, die beim Picken der Leuchtdiode droht, im sozialen Feld der Küken abgespeichert?
Womöglich waren es auch neuere Entwicklungen in der Genforschung, die die Skepsis bezüglich Sheldrakes morphischen Feldern derart groß werden ließen, dass jeder noch so kleinste Zweifel gegen ihn verwendet wurde: Im Jahr 1995 erhielt die Biochemikerin Christiane Nüsslein-Volhard den Medizin-Nobelpreis für ihre Entdeckung der sogenannten Morphogene. Bei den Morphogenen handelt es sich um Substanzen, die bestimmte Gene an- und abschalten und damit die Gestaltbildung der Organismen organisieren. Das war natürlich Wasser auf die Mühlen aller Skeptiker. Sie sahen darin den Beweis dafür, dass die Formbildung biologischer Organismen keinerlei Einflussnahme durch unsichtbare Felder bedarf. Sheldrake hätte sich demnach bereits bei seiner Ausgangshypothese bezüglich der gestaltbildenden morphogenetischen Felder verrannt. Warum sollte man dann die Ausweitung seines Konzepts auf soziale Felder oder gar mentale Felder ernst nehmen?
Sheldrake selbst lässt diesen Einwand natürlich nicht gelten. Aus seiner Sicht bleibt immer noch offen, woher ein Morphogen eigentlich weiß, welches Gen es aktivieren soll und welches nicht. Vielleicht verhält es sich mit den Morphogenen ja wie mit dem Gehirn: Die Schaltzentrale liegt außerhalb – Sheldrake würde sagen, sie liegt in einem Feld. Was wir physisch beim Morphogen beobachten können, würde demnach nichts weiter als die bloße Ausführung von Informationen sein, die jedoch ursprünglich aus einer nichtmateriellen Quelle, eben aus einem morphischen Feld stammen. Und so stehen wir vor dem altbekannten Dilemma: Was man nicht eindeutig sehen und messen kann, darüber lässt sich vortrefflich streiten: Die Skeptiker sagen „nein“, Sheldrake sagt „doch“.
Kulturelle Gemeinschaften mitsamt ihren Denk- und Verhaltensweisen sind ja unleugbar da, materiell aber nicht greifbar und nicht messbar. Sie zeigen sich in Form von Bräuchen, Traditionen, Überzeugungen und Glaubensinhalten als über lange Zeiträume stabile Gebilde. Zugleich sind sie jedoch wandelbar und es treten immer wieder gewisse Moden und Trends auf. Der Volksmund spricht in diesem Zusammenhang gerne vom „Zeitgeist“. Der Begriff „Geist“ drückt bereits die implizite Annahme aus, dass hierfür wohl keine Atome und Moleküle verantwortlich gemacht werden können. Sheldrake deutet die unsichtbaren Bande einer Gesellschaft als soziales beziehungsweise kulturelles Feld, das wie ein kollektives Gedächtnis wirkt. Als dynamischer Informationsspeicher vermittelt es aber auch Veränderung und ermöglicht durch morphische Resonanz eine Verbindung zwischen vormaligen, aktuellen und künftigen Generationen.
Besonders interessant wird es, wenn man eine Verbindung zwischen Menschen auch in Bezug auf mentale Felder annimmt. Dann leistet Sheldrakes Konzept einen hilfreichen Deutungsrahmen, innerhalb dessen wir telepathische Fähigkeiten wie Vorahnungen (etwa bei Telefonanrufen) oder das Gefühl dafür, angestarrt zu werden, erklären könnten: Menschen treten in Resonanz zueinander und verbinden sich über ihre weit in den Raum hineinreichenden mentalen Felder. Sheldrakes Felder können also durchaus Phänomene erklären, die Naturwissenschaftler nicht erklären können. In dieser Hinsicht sind sie zumindest als Modell brauchbar.