Themenbereich
Religion, Mythologie und Spiritualität

Zur Essenz der Weltreligionen (2/4)
Weltrelgionen im Vergleich - Teil 1: Schöpfung und Menschenbild


Wo trotz aller Unterschiede im Detail der gemeinsame Kern aller Religionen steckt


1) Das Universum als Schöpfung

Judentum, Christentum und Islam sind bekanntlich drei eng verwandte Religionen. Sie alle beziehen sich auf Abraham als ihren Stammvater und glauben gemeinsam an den Gott Abrahams. Die Juden nennen ihn „Jahwe“, die Christen „Gott“ und die Muslime „Allah“. 

Juden, Christen und Muslime halten Gott für ein geistiges, bewusstes, einheitliches Wesen. Im Christentum hat sich mit dem Konzil von Konstantinopel seit dem Jahr 381 n. Chr. die Trinitätslehre durchgesetzt, der zufolge sich Gott in drei Formen – nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist – verwirklicht. Trotzdem wird Gott dabei als ein einheitliches Wesen gedacht. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind bloß verschiedene Ausprägungen oder Personen desselben Gottes (Dreifaltigkeit, Dreieinigkeit)

Gott ist nach Meinung aller abrahamitischen Religionen der Schöpfer unseres physischen Universums. Oder anders ausgedrückt: Ohne Gott kann das physische Universum nicht existieren. Es hat keine objektive, von Gott unabhängige, eigenständige Existenz. 

Der Mensch nimmt eine besondere Stellung ein, denn Gott schuf ihn nach seinem Ebenbild, und zwar als Mann und Frau (Genesis 1, 26-27). Ebenbildlichkeit bedeutet Ähnlichkeit. Im Menschen offenbart sich Gott demnach selbst, der Schöpfer nimmt im Menschen Teil an seiner Schöpfung. Das tut er ausgehend von einer Dualität der Geschlechter.

Das Prinzip der Dualität zeigt sich auch in anderen Religionen, insbesondere im Yin (weibliche Kraft) und Yang (männliche Kraft) des chinesischen Taoismus. Auch die Selbstähnlichkeit des Schöpfers mit seiner Schöpfung ist ein zentrales Motiv sowohl des Taoismus als auch einer anderen großen Religion Asiens, dem Hinduismus. Hier bleibt die Wesensähnlichkeit mit dem Göttlichen allerdings nicht nur auf den Menschen beschränkt. Anders als bei den abrahamitischen Religionen betrachten fernöstliche Religionen den Unterschied zwischen Tieren und Menschen als einen graduellen.

Im Hinduismus geht die Schöpfung des Universums auf „Brahman“ zurück, in der alten chinesischen Religion auf „Tao“.

Brahman beziehungsweise Tao werden nicht im Sinne einer persönlichen Gottheit verstanden, sondern als eine Art abstrakte Urkraft, aus der heraus alles, was ist, entsteht und die alles, was ist, integriert. Zwar gibt es im Hinduismus auch den Schöpfergott „Brahma“ (ohne „n“ am Ende). Dieser stellt aber nur eine Art Personifizierung des Schöpferprinzips des ursprünglichen, absoluten „Brahman“ (mit „n“ am Ende) dar, ist also von Brahman abgeleitet.

Brahman ist im Hinduismus eng mit „Atman“ verbunden. Atman wird häufig mit Seele übersetzt. Im Hinduismus hat jedes Geschöpf eine Seele, auch Tiere und Pflanzen. Atman bezeichnet den inneren, ewigen Kern eines jeden Geschöpfes. Spirituelle Lehren bezeichnen ihn gerne als „höheres Selbst“. Als das „Göttliche“ in uns ist es frei von Ego, von allen Ängsten, Trieben, Leidenschaften und Verhängnissen, denen wir in unserer irdischen Lebensrealität ausgeliefert sind. Atman ist unzerstörbar und unsterblich, weil Atman als das „Göttliche“ in uns aus dem ewigen und absoluten Brahman selbst hervorgeht und insofern selbst ewig existiert.

Modern gesprochen könnte man Atman wie eine fraktale Abspaltung von Brahman interpretierten. „Fraktal“ bedeutet selbstähnlich: Etwas, was auf höherer Ebene existiert (hier: Brahman), zeigt sich in gleicher Weise auf einer tieferen Ebene (hier: Atman). In Thomas Campbells Simulationstheorie (siehe hierzu unsere entsprechende Artikelsammlung) finden wir dasselbe Prinzip: Das ursprünglich ungeteilte Bewusstsein „Absolute Unbounded Oneness“ (AUO, vergleichbar mit Brahman) teilt sich auf und erzeugt verschachtelte Untereinheiten von sich selbst, bis hin zur „Individuated Unit of Consciousness“ (IUOC, vergleichbar mit Atman). Platon postuliert ebenfalls ein höchstes, geistiges Sein (das „Gute“, vergleichbar mit Brahman) als Ausgangspunkt der gesamten Schöpfung sowie davon abgeleitete Seelen (vergleichbar mit Atman), die materielle Körper beleben und die Schöpfung in Gang halten (siehe hierzu unsere Artikelseite zu Platon). Grundsätzlich lässt sich das Prinzip der Selbstähnlichkeit auch im Motiv der Ebenbildlichkeit der jüdischen, christlichen und islamischen Tradition finden – freilich mit dem entscheidenden Unterschied, dass sich die Ebenbildlichkeit der Seele (vergleichbar mit Atman) zu Gott (vergleichbar mit Brahman) in den abrahamitischen Religionen exklusiv auf den Menschen beschränkt.

2) Die Verbindung zum Göttlichen

Wenn der Mensch Gott beziehungsweise dem Göttlichen ähnlich ist, dann muss sich diese Wesensgleichheit irgendwie spüren lassen beziehungsweise äußern können. Spüren lässt sie sich nach Meinung der abrahamitischen Religionen im Gebet, also in der inneren Zuwendung zu Gott. Mystiker aller Religionen versuchen darüber hinaus mittels verschiedenster Meditationspraktiken Gott beziehungsweise das Göttliche unmittelbar zu erfahren – man denke etwa an die Derwische im islamischen Sufismus mit ihren Trance-Tänzen. Laut Hinduismus und Taoismus besteht eine Verbindung zum Göttlichen auch auf „energetischer“ Ebene. Beide Weltanschauungen nehmen an, dass die gesamte Schöpfung durch eine göttliche Lebensenergie durchzogen und erhalten wird, die im Hinduismus „Prana“ und im Taoismus „Chi“ genannt wird. Berühmt ist in diesem Zusammenhang das spirituelle Konzept der „Chakren“ als Energiezentren, in denen sich „Prana“ sammelt, um durch den Körper zu strömen.

Bei gesunden, aktiven und charismatischen Menschen fließt „Prana“ in Hülle und Fülle, bei kranken und phlegmatischen Menschen ist der Energiefluss blockiert. Die hier unterstellte Energie ist natürlich keine physische, sondern eine nichtphysische. Dementsprechend sind auch die Chakren und die sogenannten „Nadis“, die Kanäle, durch die „Prana“ im Körper fließt, nichtphysisch („feinstofflich“).

Dass es unsichtbare Kanäle geben könnte, die materielle Körper zum Leben erwecken, hatte auch Burkhard Heim vermutet, als er mit seinen „Telekorsyntroklinen“ metaphysische „Bahnen“ postulierte, die Aktivitätenströme vermitteln (siehe hierzu unsere Artikelsammlung zu Burkhard Heim).

Zwar liegen Heims diesbezüglichen Aussagen sehr weit von religiösen Vorstellungen entfernt, eine Ähnlichkeit im Prinzip ist dennoch unverkennbar. Auch Schopenhauers „Wille“ meint nicht dasselbe wie Prana oder Chi, trotzdem finden wir hier ein Konzept vor, dass die Vitalität allen physischen Seins auf ein nicht-materielles Wirken zurückführt (siehe hierzu unsere Artikelseite zu Arthur Schopenhauer). Sogar im Christentum gibt es mit dem „Heiligen Geist“ eine Art von „metaphysischer Energie“. Im Unterschied zu Prana, Chi, Burkhard Heims Aktivitätenströmen und Schopenhauers Willen gilt der Heilige Geist den Christen aber nicht als abstrakte „Kraft“, sondern als Person Gottes, die immer dann wirkt, wenn es Gott beliebt: „Der Wind weht, wo er will“, heißt es hierzu bildlich im Neuen Testament (Joh 3,8).

Äußern kann sich unsere Wesensähnlichkeit mit Gott beziehungsweise dem Göttlichen in unseren Taten. Alle Religionen betonen in unterschiedlich ausgeprägter Weise die Freiheit des menschlichen Willens. Demnach liegt es an uns, ob wir die Wesensähnlichkeit zu Gott oder zum Göttlichen zur Entfaltung bringen oder nicht. Platon formuliert es in Bezug auf die Erkenntnis des „Guten“ genauso und auch für Thomas Campbell ist Bewusstsein stets frei, sich zu entscheiden. Burkhard Heim unterstreicht ebenfalls die Möglichkeit, bewusste Willensentscheidungen als metaphysischen Akt zu vollziehen. Welche Art von Entscheidungen nach Ansicht der großen Religionen sinnvoller (gottähnlicher) als andere sind und welche Konsequenzen das für unser Weiterleben nach dem Tod mit sich bringt, erfahren Sie auf der folgenden Artikelseite.

3) Von der Einheit zur Dualität

Vergleicht man die Schöpfungsgeschichten der großen Weltreligionen noch etwas genauer, sticht eine weitere Gemeinsamkeit ins Auge:

Bei (fast) allen Religionen nimmt die Schöpfung ihren Ausgangspunkt in einer Ausdifferenzierung von etwas zuvor Ungeteiltem. So beginnt das Buch Genesis mit einer Entzweiung: „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde“ (Genesis 1,1).

Auch im Koran beginnt die Schöpfung mit der Auftrennung mehrerer Himmel und der Erde aus einer zuvor einheitlichen Masse. In Sure 21 heißt es:

„Sehen denn diejenigen, die ungläubig sind, nicht, dass die Himmel und die Erde eine zusammenhängende Masse waren? Da haben Wir sie getrennt und aus dem Wasser alles Lebendige gemacht. Wollen sie denn nicht glauben?“ (Sure 21,30)

Fernöstlichen Religionen ist das lineare Geschichtsdenken fremd. Deshalb kennen sie keinen allerersten Startpunkt. Der Ur-Geist „Brahman“ existiert in der Vorstellung der Hindus ewig und das Universum unterliegt einem ständigen Kreislauf von Weltschöpfung und Weltende. Geht eine Welt zu Ende, herrscht Weltenruhe und die Materie versinkt in eine undifferenzierte Ur-Substanz (Prakriti). Bahnt sich eine neue Welt an, wird die Materie durch „Brahma“ zu einem neuen Universum entfaltet. Dabei ist jedes Universum immer nur eine Kreation, nur ein künstliches Gebilde, das aus sich selbst heraus gar nicht existieren könnte. Der Anschein einer objektiven und unabhängigen Realität des physischen Universums wird in den philosophischen Texten des Hinduismus „Maya“ (Illusion, Täuschung, Trugbild) genannt.

Was Hindus als „Brahman“ bezeichnen, kennt die traditionelle Religion Chinas als „Tao“. Als ungeteilte Einheit existiert das Tao ohne innere Differenz. In diesem Zustand gibt es nichts, was man unterscheiden und benennen könnte.

Schöpfung beginnt darum auch im Taoismus mit einer Ausdifferenzierung: Aus dem Tao gehen die oben bereits erwähnten Urkräfte Yin und Yang hervor. Sie sind wie zwei Seiten des Ur-Einen und werden symbolisch in der Figur des Taiji (Tai Chi) dargestellt.

Die Spannung beider Kräfte bewirkt laut Taoismus die Vielfältigkeit der materiellen Schöpfung, so wie sie sich uns offenbart, nämlich als Erleben von gegensätzlichen Polen: männlich – weiblich, Bewegung – Ruhe, hart – weich, Wärme – Kälte, hell – dunkel, Tag – Nacht, und so weiter. Auch die Trennung von Himmel und Erde basiert auf der Polarität von Yin und Yang: Die Erde wird als weibliches Yin und der Himmel als männliches Yang gedacht.

4) Die Sonderstellung des Buddhismus

Nun wird Ihnen sicherlich nicht entgangen sein, dass der Buddhismus beim bisherigen Vergleich der Weltreligionen ein wenig vernachlässigt wurde. Das liegt einfach daran, dass der Buddhismus keine wirkliche Schöpfungsgeschichte kennt und auch keine klassische Vorstellung von einem (abstrakten oder persönlichen) Gott oder einer klassischen Seele hat. Der Buddhismus ist auch gar keine Offenbarungsreligion, denn der historische Buddha (Siddhartha Gautama, 563 v.Chr. – 483 v.Chr.) hat ja gar keine Botschaften vermeintlich höherer Wesen aus nichtphysischen Dimensionen erhalten, sondern seine Erkenntnisse auf Basis eigener, irdischer Erfahrungen samt persönlicher Reflexion gewonnen. Metaphysische Fragen hielt Siddhartha Gautama für nicht beantwortbar und deren Erörterung nicht für zielführend. Als praktisch orientierter Religionsstifter ging es ihm zuvorderst darum, die Ursachen von Leid und die Möglichkeiten seiner Überwindung auszuloten. Trotz dieses völlig unterschiedlichen Ansatzes basiert unser Universum aber auch im Buddhismus weder auf Zufall noch auf Materie. Vielmehr betrachtet der Buddhismus alles Seiende als substanzlos und spricht etwas kryptisch von einer „Leerheit“.

Das Konzept der „Leerheit“ ist schwer zu fassen. Es meint kein Nichts. Es meint bloß die Abwesenheit von Eigenexistenz. Alles, was ist, kann nach den Lehren Buddhas nur als aufeinander bezogen und miteinander verbunden verstanden werden, nicht aber als etwas Einzelnes, Feststehendes, das seine Substanz aus sich selbst schöpft. So sprechen Buddhisten sämtlichen Phänomenen im Universum stets nur eine „bedingte Entstehung“ und niemals ein unabhängiges Sein zu. 

Folgerichtig halten Buddhisten auch das eigene Ich für substanzlos. Wenn wir uns selbst in der Meditation erforschen, finden wir dort laut Buddhismus keine ewige Seele als feststehende, einheitliche Entität vor. Stattdessen lasse sich allenfalls eine Anhäufung einander bedingender Daseinsfaktoren („Skhandas“) ausmachen, nämlich den Körper, die Sinneseindrücke, die Gefühle, die Gedanken und das Bewusstsein als Projektionsfläche, auf der die vier vorigen Faktoren beobachtet beziehungsweise erlebt werden. Zusammengenommen erzeugen diese fünf Faktoren die Illusion eines vom Rest der Welt getrennten Ichs. Im Kern gebe es aber gar kein solches Ich als einheitliche und feste Substanz. Stattdessen sei unser Ich als Zusammenballung der genannten Daseinsfaktoren mit der gesamten Welt verwoben und unzertrennbar mit ihr verbunden. Dies zu erkennen und die Trennung von Subjekt und Objekt aufzuheben, sei die Voraussetzung für Erleuchtung und zugleich höchstes Ziel buddhistischer Meditation.

5) Fazit: Die Gemeinsamkeiten im Überblick

Der Buddhismus fällt im Vergleich der Weltreligionen offensichtlich ein wenig „aus der Reihe“. Als einzige Weltreligion verneint er die Existenz einer ewigen Seele und hält sich mit Aussagen bezüglich Schöpfer und Schöpfung zurück. Davon abgesehen liegen die Parallelen auf der Hand:

1. Keine einzige Religion hält Materie für die fundamentale Substanz alles Seienden und für die Ursache von Bewusstsein.

2. Mit Ausnahme des Buddhismus ist in allen Religionen stets ein einheitlicher Geist (Gott, Brahman, Tao) Ausgangspunkt unseres physischen Universums. Schöpfung geschieht durch Differenzierung: Aus einer zunächst ungeteilten Einheit entstehen Dualität („Himmel und Erde“, „Yin und Yang“), ein mannigfaltiges Universum und schließlich auch wir Menschen.

3. Laut allen Weltreligionen (außer dem Buddhismus) steckt in uns Menschen eine unsterbliche Seele, die Gott beziehungsweise dem Göttlichen wesensähnlich ist.

4. Das physische Universum und unsere materiellen Körper verfügen über keine unabhängige Eigenexistenz. Sie werden von allen Weltreligionen (außer dem Buddhismus) als Schöpfungswerke eines bewussten Geistes aufgefasst.

6) Weiterführende Informationen und Buchtipps