Wo trotz aller Unterschiede im Detail der gemeinsame Kern aller Religionen steckt
Der Mensch nimmt eine besondere Stellung ein, denn Gott schuf ihn nach seinem Ebenbild, und zwar als Mann und Frau (Genesis 1, 26-27). Ebenbildlichkeit bedeutet Ähnlichkeit. Im Menschen offenbart sich Gott demnach selbst, der Schöpfer nimmt im Menschen Teil an seiner Schöpfung. Das tut er ausgehend von einer Dualität der Geschlechter.
Das Prinzip der Dualität zeigt sich auch in anderen Religionen, insbesondere im Yin (weibliche Kraft) und Yang (männliche Kraft) des chinesischen Taoismus. Auch die Selbstähnlichkeit des Schöpfers mit seiner Schöpfung ist ein zentrales Motiv sowohl des Taoismus als auch einer anderen großen Religion Asiens, dem Hinduismus. Hier bleibt die Wesensähnlichkeit mit dem Göttlichen allerdings nicht nur auf den Menschen beschränkt. Anders als bei den abrahamitischen Religionen betrachten fernöstliche Religionen den Unterschied zwischen Tieren und Menschen als einen graduellen.
Zwar liegen Heims diesbezüglichen Aussagen sehr weit von religiösen Vorstellungen entfernt, eine Ähnlichkeit im Prinzip ist dennoch unverkennbar. Auch Schopenhauers „Wille“ meint nicht dasselbe wie Prana oder Chi, trotzdem finden wir hier ein Konzept vor, dass die Vitalität allen physischen Seins auf ein nicht-materielles Wirken zurückführt (siehe hierzu unsere Artikelseite zu Arthur Schopenhauer). Sogar im Christentum gibt es mit dem „Heiligen Geist“ eine Art von „metaphysischer Energie“. Im Unterschied zu Prana, Chi, Burkhard Heims Aktivitätenströmen und Schopenhauers Willen gilt der Heilige Geist den Christen aber nicht als abstrakte „Kraft“, sondern als Person Gottes, die immer dann wirkt, wenn es Gott beliebt: „Der Wind weht, wo er will“, heißt es hierzu bildlich im Neuen Testament (Joh 3,8).
Äußern kann sich unsere Wesensähnlichkeit mit Gott beziehungsweise dem Göttlichen in unseren Taten. Alle Religionen betonen in unterschiedlich ausgeprägter Weise die Freiheit des menschlichen Willens. Demnach liegt es an uns, ob wir die Wesensähnlichkeit zu Gott oder zum Göttlichen zur Entfaltung bringen oder nicht. Platon formuliert es in Bezug auf die Erkenntnis des „Guten“ genauso und auch für Thomas Campbell ist Bewusstsein stets frei, sich zu entscheiden. Burkhard Heim unterstreicht ebenfalls die Möglichkeit, bewusste Willensentscheidungen als metaphysischen Akt zu vollziehen. Welche Art von Entscheidungen nach Ansicht der großen Religionen sinnvoller (gottähnlicher) als andere sind und welche Konsequenzen das für unser Weiterleben nach dem Tod mit sich bringt, erfahren Sie auf der folgenden Artikelseite.
Schöpfung beginnt darum auch im Taoismus mit einer Ausdifferenzierung: Aus dem Tao gehen die oben bereits erwähnten Urkräfte Yin und Yang hervor. Sie sind wie zwei Seiten des Ur-Einen und werden symbolisch in der Figur des Taiji (Tai Chi) dargestellt.
Die Spannung beider Kräfte bewirkt laut Taoismus die Vielfältigkeit der materiellen Schöpfung, so wie sie sich uns offenbart, nämlich als Erleben von gegensätzlichen Polen: männlich – weiblich, Bewegung – Ruhe, hart – weich, Wärme – Kälte, hell – dunkel, Tag – Nacht, und so weiter. Auch die Trennung von Himmel und Erde basiert auf der Polarität von Yin und Yang: Die Erde wird als weibliches Yin und der Himmel als männliches Yang gedacht.
Folgerichtig halten Buddhisten auch das eigene Ich für substanzlos. Wenn wir uns selbst in der Meditation erforschen, finden wir dort laut Buddhismus keine ewige Seele als feststehende, einheitliche Entität vor. Stattdessen lasse sich allenfalls eine Anhäufung einander bedingender Daseinsfaktoren („Skhandas“) ausmachen, nämlich den Körper, die Sinneseindrücke, die Gefühle, die Gedanken und das Bewusstsein als Projektionsfläche, auf der die vier vorigen Faktoren beobachtet beziehungsweise erlebt werden. Zusammengenommen erzeugen diese fünf Faktoren die Illusion eines vom Rest der Welt getrennten Ichs. Im Kern gebe es aber gar kein solches Ich als einheitliche und feste Substanz. Stattdessen sei unser Ich als Zusammenballung der genannten Daseinsfaktoren mit der gesamten Welt verwoben und unzertrennbar mit ihr verbunden. Dies zu erkennen und die Trennung von Subjekt und Objekt aufzuheben, sei die Voraussetzung für Erleuchtung und zugleich höchstes Ziel buddhistischer Meditation.