Warum das Gehirn laut Campbell genauso virtuell ist wie das restliche physische Universum auch - und was Neurologen letztlich im Gehirn beobachten
Diese Frage ist aber insofern falsch gestellt, als sie in unreflektierter Weise impliziert, dass Bewusstsein auf jeden Fall im Gehirn entsteht. Würde man hingegen von einem alternativen Modell des Bewusstseins als einer fundamentalen metaphysischen Substanz ausgehen, würde sich das Rätsel ganz anders darstellen: Wie interagiert das nichtphysische Bewusstsein mit dem physischen Gehirn? Wie funktionieren Informationsvermittlung und Kausalwirkung in beide Richtungen? Und wie muss man sich die Schnittstellen genau vorstellen?
Während Rupert Sheldrake diesen Fragen mit Verweis auf sein Konzept der „morphischen Resonanz“ begegnet (mehr dazu in der Artikelsammlung zu Rupert Sheldrake) und Burkhard Heim „Telekorsyntroklinen“ postuliert (siehe hierzu die Artikelsammlung zu Burkhard Heim), ergibt sich aus Campbells Theorie eine geradezu aberwitzig anmutende Lösung: Es gibt gar kein physisches Gehirn! Und damit erübrigt sich auch die Notwendigkeit, eine Schnittstelle zwischen Bewusstsein und Gehirn zu suchen:
„Es wird fälschlicherweise oft angenommen, dass das Gehirn als Signalumwandler und begrenzender Filter zwischen den physischen und nicht-physischen Komponenten des Daseins fungiert […]. Es gibt [aber] keine ‚physischen Komponenten des Wesens‘ […] .“ (Campbell, Thomas: My Big TOE. Meine große Theorie von Allem, Buch Zwei: Entdeckung, 2021, S. 436)
Naturwissenschaftler deuten die daraufhin beobachtbaren Ereignisse als eine Folge natürlicher, wissenschaftlich feststellbarer Gesetzmäßigkeiten, wonach bestimmte Substanzen die Hirnaktivitäten modifizieren, woraufhin sich eine je nach Droge erweiternde oder eingetrübte Wahrnehmung einstellt. Bei Campbell gibt es jedoch keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Gehirn und Bewusstsein – er ist bloß simuliert. Der Anschein der Verursachung ergibt sich aus der Tatsache, dass die Veränderungen von virtueller Gehirnaktivität und Bewusstseinszustand gleichzeitig erfolgen – und zwar jeweils gesteuert durch das LCS. Was dahintersteckt, sind nicht die vermeintlichen Wirkungen von materiellen Substanzen, sondern die „Spielregeln“ der PMR-Simulation.
Im Falle von Drogenkonsum sehen diese Spielregeln vor, dass die Spieler je nach Art und Menge der konsumierten Droge modifizierte Datenströme erhalten, die der FWAU trübe oder geweitete, beängstigende oder beglückende Erfahrungen darbieten. Weder ursächlich oder als Folge dessen, sondern bloß parallel dazu wird zugleich der virtuelle Avatar des Drogenkonsumenten samt seines virtuellen Gehirns in einer veränderten Weise gerendert werden, zum Beispiel derart, dass die Gesichtsfarbe in PMR blasser erscheint, die Pupillen geweitet sind und sich die neuronalen Aktivitäten im Gehirn auf bestimmte Stellen konzentrieren, die zuvor weniger aktiv waren – wobei dasjenige, was genau im Gehirn passiert, sowieso nur gerendert werden muss, wenn Ärzte oder Forscher die Gehirnaktivität des Avatars messen.
Dabei sind ihr Gedächtnis und ihr Bewusstsein im Grunde unbeschädigt. Als FWAU sind die Spieler hinter den erkrankten Menschen-Avataren ja vollkommen „intakt“. Gestört oder gar blockiert sind nur gewisse Datenströme, die eine FWAU mit Informationen versorgen und mit denen die FWAU den Avatar steuern kann. Und so erlebt eine FWAU, selbst wenn sie vollkommen „intakt“ ist, nicht etwa ihr „reines“, sondern ein massiv eingeschränktes Bewusstsein. Stellen Sie sich vor, Sie würden in einer VR-Brille ein verzerrtes Bild sehen und zugleich über Ihre Kopfhörer ein unangenehmes Rauschen wahrnehmen. Ihre Spielfigur könnten Sie nicht mehr richtig steuern, weil Ihr Avatar in der Spielsimulation derart geschädigt wurde, dass er gemäß den Spielregeln weder laufen noch sprechen kann. Das wäre gewiss keine schöne Spielerfahrung. Sie endete erst dann, wenn die Beeinträchtigungen vorübergingen (Genesung) oder die schmerzliche Spielerfahrung durch den physischen Tod des Avatars beendet würde (Ausziehen der VR-Brille).
Wenn in Einzelfällen die „Spielregeln“ missachtet werden und hirnkranke Patienten trotz beschädigtem Gehirn dauerhaft (wie beim französischen Patienten mit dem Wasserkopf) oder kurzzeitig (wie bei Fällen terminaler Geistesklarheit) ihre vollen Fähigkeiten behalten beziehungsweise zurückerlangen, wäre das mit Campbells PSI-Unschärfe-Prinzip erklärbar: Seltene Ausnahmen von der Regel dienen dazu, Spieler „aufzuwecken“, die zur Steigerung ihrer Bewusstseinsqualität solche subtilen Hinweise auf eine größere Realität gebrauchen können. Zugleich sind solche Ausnahmen aber selten genug, dass sie von denjenigen Spielern, denen das Wissen um eine größere Realität in ihrer derzeitigen Entwicklungsphase unzuträglich wäre, ohne Weiteres übersehen und übergangen werden können.