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Philosophie & Wissenschaft

Woher wissen wir, was wahr ist? (5/8) 
Axiome: Warum Wissenschaft an der Basis mystisch ist


Die Wissenschaft steht auf einem soliden Wissensfundament und kommt ganz ohne Glauben aus - so sehen es jedenfalls die meisten Außenstehenden und vielleicht sogar manch unreflektierter Wissenschaftler selbst. Tatsächlich aber geht notwendigerweise jede Wissenschaftsdiziplin von einigen Grundannahmen aus, für die es gar keine Beweise gibt und die oftmals auch gar nicht bewiesen werden können. Warum das so ist, erfahren Sie in diesem Artikel.


1) Was sind Axiome?

Weil die Wissenschaft nicht alles weiß und wissen kann (siehe hierzu auch die ersten beiden Artikelseiten in dieser Arikelsammlung "Woher wissen wir, was wahr ist"), aber trotzdem irgendein Fundament benötigt, auf dem sie ihr Theoriegebäude errichten kann, stützt sie sich auf Axiome. Axiome sind Grundannahmen einer Theorie, die aber selbst nicht bewiesen oder begründet werden.

Genaugenommen kann der Anlass für dieses „Nichtbeweisen“ von Annahmen auf unterschiedliche Arten interpretiert werden:

Der ursprünglichen Wortdeutung nach verstanden die antiken Gelehrten Griechenlands Axiome als Grundannahmen, die so offensichtlich einleuchtend sind, dass sie einfach keiner weiteren Begründung oder Beweisführung bedürfen.

Physiker seit der Neuzeit definierten Axiome als nicht näher zu begründende Grundprinzipien, die deshalb wahr sind, weil sie sich immer wieder in der Realität so beobachten lassen (beispielsweise Newtons klassische Axiome der Mechanik). 

Der moderne Axiombegriff beschreibt Axiome allgemeiner als grundlegende Aussagen, die ohne Beweis angenommen werden und aus denen dann sämtliche weitere Aussagen einer Theorie abgeleitet werden. In diesem letzten Sinne wird der Axiombegriff hier verwendet.

2) Axiome in der Naturwissenschaft

Auf der Artikelseite "Grenzen der Wissenschaft aus Sicht der Philosophie" haben wir mit Descartes und Kant die philosophische Erkenntnis erlangt, dass die Welt um uns herum in der Art und Weise, wie sie uns erscheint, nicht unbedingt objektiv existieren muss. Sie stellt sich uns in unserer Wahrnehmung so dar, wie sie sich darstellt, nämlich als dreidimensionales, materielles, raumzeitliches Universum mitsamt unseres Heimatplaneten Erde.

Wie sie „an sich“ (Kant), also unabhängig von unserer Art der Wahrnehmung beschaffen ist, können wir jedoch unmöglich wissen. Wirklich gewiss können wir uns eigentlich nur unserer bewussten Existenz sein (Descartes: „Ich denke, also bin ich“). Naturwissenschaftler setzen indessen wie selbstverständlich voraus, dass die Welt um uns herum objektiv existiert. Diese Annahme stellt die Kernüberzeugung und Grundlage all ihrer Forschung dar. Sie bildet damit das fundamentalste Axiom der Naturwissenschaften. Beweisen lässt sich diese Annahme freilich nicht. Das Axiom wird einfach „gesetzt“.

Weitere Axiome der Naturwissenschaft lauten, dass alles Seiende auf Materie basiert und unser Bewusstsein im Gehirn entsteht. Beide Grundannahmen werden als Ausgangspunkt für die weitere Theoriebildung und Forschung einfach so behauptet (obschon sie alles andere als solide sind. Siehe hierzu unsere Artikelsammlungen "Was ist eigentliche Materie?" sowie "Wo steckt das Bewusstsein?"). Auch der Urknall kann nicht ursächlich erklärt werden. Als Grund und Anfang allen Seins gilt er schlichtweg als „gegeben“. Die gesamte Kosmologie baut also letztlich auf einem Ereignis auf, das nicht hinterfragt wird und dessen Daseinsgrund völlig unbekannt ist. Somit ist an ihrer Basis selbst die Naturwissenschaft mystisch.

3) Axiome in den Sozialwissenschaften

Axiome gibt es auch in den Sozialwissenschaften. Besonders umstrittene finden Sie in den Wirtschaftswissenschaften. Deren Faible, ihre Modelle auf unreflektierten Grundannahmen aufzubauen, sorgt unter Studierenden für allseits bekannte Ökonomen-Witze. Zum Beispiel den: Auf einer einsamen Insel finden ausgehungerte Schiffbrüchige eine rostige Konservendose, können diese aber nicht öffnen. Zum Glück befindet sich unter den Gestrandeten ein Ökonom. In ihrer Not schlägt er vor: „Nehmen wir an, wir hätten einen Dosenöffner.“

Witze wie diese kommen nicht von ungefähr, denn tatsächlich mutet die Eigenheit der Volkswirte, Dinge anzunehmen, die in der Realität gar nicht so sind, mitunter ein wenig schräg an. So wird zum Beispiel mit dem sogenannten Nichtsättigungsaxiom allen Ernstes behauptet, dass wir Menschen einen hohen Konsum stets einem geringeren Konsum vorziehen. Dass man des Konsums überdrüssig werden kann, wird an dieser Stelle nicht in Betracht gezogen.

Das Axiom der Nichtsättigung steht in Verbindung mit dem wirtschaftswissenschaftlichen Menschenbild des sogenannten „homo oeconomicus“, einem rationalen Nutzenmaximierer ohne jegliche Emotionen. Dieses Zerrbild taugt ganz offensichtlich nicht zur akkuraten und differenzierten Beschreibung der komplexen Verhaltensweisen „echter“ Menschen, wird von den Volkswirten als vereinfachender Ausgangspunkt für die Modellierung verschiedenster wirtschaftlicher Zusammenhänge aber einfach „gesetzt“.

4) Das Problem mit falschen Axiomen

Sind die Axiome falsch, aus denen alle weiteren Aussagen einer Theorie abgeleitet werden, ist die Chance groß, dass auch die Schlussfolgerungen aus diesen Theorien an der Realität vorbeizielen. Um etwa zu begreifen, dass ständig steigender Konsum dem Menschen nicht pauschal zum Guten gereicht, muss man eigentlich nicht studiert haben. Ein wenig Lebenserfahrung und Beobachtungsgabe sollten hierzu ausreichen. Und wer es genauer wissen will, kann sich mit entsprechenden Studien aus der Konsum- oder Glücksforschung befassen. Die kommen nämlich mehrheitlich zu dem Schluss, dass mehr Wohlstand nur bedingt glücklicher macht, weil irgendwann Sättigungseffekte eintreten (siehe hierzu die Quellenangaben unten auf dieser Artikelseite). Dessen ungeachtet gilt stetiges Wachstum weiterhin als Fixpunkt der Wirtschaftswissenschaften und wichtigstes Ziel der Wirtschaftspolitik. Das ist besonders dramatisch in Zeiten, in denen die ökologischen Folgen dieses Wachstumsmodells in Form von Ressourcenausbeutung, Artensterben, Klimawandel, verschmutzten Meeren und unfruchtbaren Böden auf uns Menschen zurückfallen.

Auch den Naturwissenschaften liegen mutmaßlich falsche Axiome zugrunde, aus denen dann entsprechend falsche Schlüsse gezogen werden.

Geht man zum Beispiel von den zweifelhaften Annahmen aus, dass alles Seiende aus Materie besteht und unser Bewusstsein nur ein Gehirnprodukt ist, dann folgt daraus logisch zwingend, dass unsere Existenz mit dem physischen Tod endet. Gehen wir des Weiteren von der Annahme aus, dass das Universum mit dem Urknall zufällig aus dem Nichts entstand, folgt daraus logisch zwingend, dass unser gesamtes Dasein ein sinnloser kosmischer Zufall ist.

Hier haben wir es ganz offensichtlich mit psychologisch sehr schwerwiegenden Aussagen zu tun. Sie betreffen unser ganzes Selbstverständnis als Menschsein und wirken tief in unsere emotionale Grundverfassung hinein. Vermutlich liegt die Naturwissenschaft mit diesen Axiomen aber genauso daneben wie die Ökonomen mit ihrem „homo oeconomicus“ und den daraus abgeleiteten Konsequenzen.

5) Ausführlicher Matrixwissen-Vortrag zu Axiomen

Bei unserer internen Matrixwissenrunde vom 14. April 2018 hat unser Mitglied Felix einen Vortrag zum Thema „Wie unsere Glaubenssysteme und Axiome unsere Erkenntnisfähigkeit begrenzen oder erweitern“ gehalten. Eigentlich sind diese internen Runden nicht öffentlich, aber Felix hat zugestimmt, dass wir diesen Vortrag veröffentlichen dürfen.

Felix verwendet in seinem Vortrag einige Abkürzungen der MyBigTOE-Theorie des Physikers Thomas Campbell. Campbell geht davon aus, dass Bewusstsein die fundamentale Substanz alles Seienden ist und Materie nur als davon abgeleitet verstanden werden kann. Mehr Informationen dazu gibt es in unserer Artikelsammlung "Ist Realität virtuell?". Hier zum besseren Verständnis des Vortrages die darin verwendeten Abkürzungen aus Thomas Campbell's Theorie:

LCS – (Larger Consciousness System) – Das größere Bewusstseinssystem (= Basis unserer Realität)
AUM – (Absolute Unbounded Manifold) – Absolute Unbegrenzte Vielfalt
AUO – (Absolute Unbounded Oneness) – Absolute Unbegrenzte Einheit
Big TOE – (Big Picture Theory of Everything) – Große Gesamtbild-Theorie von Allem
FWAU – (Free Will Awareness Unit) – Bewusstseinseinheit mit freiem Willen
TOE – (Theory of Everything) – Theorie von Allem

VIDEO: Matrixwissenvortrag "Wie unsere Glaubenssysteme und Axiome unsere Erkenntnisfähigkeit begrenzen oder erweitern"

66:47 Minuten, deutsch

03:50 Einleitende Kurzgeschichte
07:30 Begriffsdefinition: Axiome und Glaubenssätze
13:15 Wissenschaftliche Axiome und Glaubenssätze
28:20 Axiome außerhalb der Wissenschaft
51:20 Glaubenssätze außerhalb der Wissenschaft

6) Weiterführende und Buchtipps: