Themenbereich
Philosophie & Wissenschaft

Woher wissen wir, was wahr ist? (8/8) 
Weltbilder und ihre Wirkung am Beispiel antiker Philosophie


Die Wurzeln unseres heutigen Denkens reichen bis in die griechische Antike zurück. Dieser Artikel fasst die Weltbilder der bekanntesten griechischen Philosophen in Kurzform zusammen. Die Unterschiede in den verschiedenen Denkmodellen der alten Griechen lassen erahnen, welchen Einfluss eine Weltsicht auf das alltägliche Denken, Wahrnehmen und Handeln haben kann. Auch heute dürfe es interessant sein, darüber zu reflektieren, ob und inwieweit das eigene Lebensgefühl durch ein bestimmtes Weltbild geprägt wird. Siehe hierzu auch den vorigen Artikel "Die Macht des eigenen Weltbildes"



Inhaltsübersicht:

  1. Die Vorgeschiche: Von den Ursprüngen der griechischen Philosophie bis zu den Sophisten
  2. Sokrates: Das eigene Denken und das der Anderen hinterfragen
  3. Platon: Die Welt als Schatten einer höheren Wahrheit
  4. Aristoteles: Die Welt als empirisch zu untersuchender Ort
  5. Vom antiken Griechenland in die Moderne: Weltbilder und Lebensgefühl
  6. Weiterführende Informationen und Buchtipps

Die Schule von Athen, Raffael 1511

1) Die Vorgeschichte: Von den Ursprüngen der griechischen Philosophie bis zu den Sophisten

Im frühen sechsten vorchristlichen Jahrhundert begannen die ersten Bestrebungen, die Welt neu zu verstehen. Die bisherige, mystische Welt von Homer wurde mittels Erzählungen erklärt, in denen die Erlebnisse der Helden in Kontext größerer universeller Zusammenhänge gesetzt wurden. Die Widrigkeiten des Lebens der Helden kombiniert mit Erzählungen über die damaligen Götter sollten den Zuschauern Parallelen zum eigenen Leben aufzeigen und Sinn vermitteln.

Der erste Schritt in Richtung eines neuen Weltverständnisses ging in Richtung einer mehr wissenschaftlichen Sichtweise, beinhaltete jedoch noch mythische Elemente. Parmenides von Elea (ca. 540 v.Chr. bis 480 v.Chr.) unternahm den Versuch, die Wirklichkeit mit rein rationaler Logik zu erklären. Somit wurde zum ersten Mal eine Auseinandersetzung mit der Frage nach Unterschieden zwischen rationaler Wahrheit und sinnlicher Wahrnehmung erforderlich. Für Parmenides war das „Seiende“ ewig, unveränderlich und unbeweglich, während die Vielfalt und Veränderlichkeit der erfahrbaren Welt nur Schein war.

Durch Leukipp (5. Jhd v.Chr.) und Demokrit (ca. 460 v.Chr. bis ca. 370 v.Chr.) wurden die ersten Modelle entwickelt, welche die Welt als rein materiell und durch kleinste Teilchen (Atome) zusammengesetzten Mechanismus erklärten. Die Atome bewegten sich im leeren Raum und folgten dabei keinen göttlichen oder teleologischen Prinzipien, sondern rein mechanischen Notwendigkeiten.

In der zweiten Hälfte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts traten die Sophisten auf den Plan. Als reisende Lehrer waren sie praktisch orientierte Bildungsexperten. Ihr Denken war rational geprägt, und sie maßen jede Überzeugung oder Meinung stets an ihrem Nutzen. Zu dieser Zeit gab es eine Vielzahl an Theorien zur Beschaffenheit der Welt, von denen sich die meisten widersprachen und die oft nur wenig mit der erfahrbaren Welt zu tun hatten. Die Sophisten kritisierten die Realitätsferne dieser Theorien und argumentierten, dass jeder Mensch seine eigenen Erfahrungen und somit auch seine eigene Wirklichkeit besitzt. Die Suche nach einer objektiven Realität war für sie somit sinnlos. Da für die Sophisten eine Suche nach absoluten Wahrheiten nicht in Frage kam, setzten sie sich für die Schulung der Bevölkerung in Rhetorik und Logik ein. Sie prägten damit entscheidend die Paideia, das klassische griechische Erziehungs- und Bildungssystem.

Alte Gewissheiten wurden somit zunehmend destabilisiert, allerdings war eine Stabilisierung durch neue Erklärungsmodelle zunächst schwierig, da die Philosophie der Sophisten dem menschlichen Verstand die Fähigkeit zur objektiven Welterkenntnis absprach.

2) Sokrates: Das eigene Denken und das der Anderen hinterfragen

Zur Zeit der Sophisten wuchs der Philosoph Sokrates (469 v. Chr. bis 399 v. Chr.) auf.

Während seiner Beschäftigung mit der Naturphilosophie stieß er sich an den widersprüchlichen Theorien. Da sie aus seiner Sicht mehr zur Verwirrung als zur Klarheit beitrugen, wandte er sich von Physik und Kosmologie ab und widmete sich der Ethik und der Logik. Im Gegensatz zu den Sophisten ging Sokrates davon aus, dass eine objektive Wahrheit existiert, sie nur noch nicht gefunden wurde. Die Entdeckung der eigenen Unwissenheit stand für Sokrates am Anfang der philosophischen Arbeit, sie sollte aber nicht das Endergebnis sein.

Nach Sokrates sind alle Menschen auf der Suche nach Glück. Dieses Glück können sie aber nur erreichen, wenn ihr Leben tugendhaft und durch Einsicht geleitet ist. Glücklichsein war somit keine Folge äußerer Umstände, sondern eine Frage der richtigen Lebensführung. Doch um ein wahrhaft gutes Leben zu führen, musste der Mensch wissen, was das Gute ist. Man musste also nach Maßgabe der Vernunft handeln und in allen Handlungen das darin enthaltene Wesen der Tugend entdecken.

Mit seiner Methode der Dialektik entwickelte Sokrates einen der Grundpfeiler westlichen Denkens: Dabei ging es darum, im Dialog mit anderen deren Aussagen auf darin versteckte Annahmen zu überprüfen und diese Annahmen dann rigoros zu hinterfragen, um auf diesem Weg der Wahrheit näher zu kommen. Doch es ging Sokrates nicht nur darum, die Standpunkte seiner Gesprächspartner zu analysieren: Philosophie zu praktizieren bedeutete, auch die eigenen Gedanken einer kontinuierlichen Prüfung zu unterziehen. Wahres Wissen war etwas, das sich nicht aus zweiter Hand erwerben ließ, sondern etwas, das man persönlich erringen musste.

Mit seiner Art, andere Menschen unablässig zur Rede zu stellen, machte sich Sokrates jedoch nicht nur beliebt, und er wurde zunehmend als unterminierendes Element der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung betrachtet. So kam es, dass ihm von athenischen Bürgern Gottlosigkeit und verderblicher Einfluss auf die Jugend vorgeworfen wurde. Ihm wurde deshalb der Prozess gemacht. Sokrates hätte zwar die Möglichkeit zur Flucht gehabt, blieb jedoch seinen Prinzipien treu und entschied sich, für seine Überzeugungen zu sterben. Durch die Verurteilung zum Trinken eines Bechers mit Schierlingsgift wurde Sokrates zum Sinnbild des philosophischen Ideals. Seinen Versuch, die Menschen zu einem kritischeren Nachdenken über Gerechtigkeit und Tugend anzuregen, bezahlte er mit dem eigenen Leben.

3) Platon: Die Welt als Schatten einer höheren Wahrheit

Platon (428/427 v. Chr. bis 348/347 v. Chr.) war Schüler von Sokrates und entwickelte dessen Philosophie weiter.

Für Platon war die höchste Wirklichkeit die Welt der Ideen, die rational erfassbar, aber den Sinnen unzugänglich ist. Allem Materiellen ordnete er einen transzendentalen Aspekt zu, der vom geschulten Philosophen durch Erinnerung und geistige Schau erkannt werden konnte. Über den für die Augen sichtbaren Aspekt eines Gegenstands hinaus erschloss sich dieser transzendente Aspekt nach Platon besonders dem wahrhaft Liebenden. Man musste zulassen, sich innerlich vom bloß Körperlichen zu lösen und durch die Bewegung des Eros zum Ewigen und Göttlichen aufzusteigen, um diese Aspekte wahrnehmen zu können. Die unsterbliche Seele stand vor der Geburt in Kontakt mit dem Göttlichen, verlor diesen Kontakt jedoch durch Vergessen aufgrund ihrer Gefangenschaft im physischen Körper. Die Aufgabe des Philosophen war die Wiedererinnerung der transzendenten Ideen, um unmittelbares Wissen von den wahren Ursachen und Quellen der Dinge wiederzuerlangen.

Platon erkannte in der Welt ein unvermeidliches Maß an Irrtum und Unvollkommenheit. Das Irrationale war mit der Materie und den Begierden des Instinkts verbunden, das Rationale mit dem Geist und dem Transzendenten. Das Böse verstand er nicht als eigenständiges Prinzip, sondern als Abirrung und Schatten der archetypischen Vollkommenheit.

Bereits vor Sokrates hatte der Philosoph Heraklit (520 v. Chr. bis 460 v.Chr.) den Begriff Logos eingeführt. Der universale Logos stand für ein göttliches Ordnungsprinzip hinter allen Dingen und Vorgängen. Heraklit sah die meisten Menschen als Schlafwandler in einem falschen Traum an, weil sie das Prinzip des Logos nicht verstanden und somit in permanenter Disharmonie mit der Welt lebten. Platon kannte diese Gedanken, griff sie jedoch nur teilweise auf und entwickelte sie in seiner Philosophie zu einer umfassenden Lehre von der Verstehbarkeit der Welt durch Vernunft und Ideen. Weitere Informationen zu Platons Weltbild finden Sie auch auf der Artikelseite "Grenzen der Wissenschaft aus Sicht der Philosophie" sowie "Platons Reich der Ideen und die Idee des Guten" in unserer Artikelsammlung zur Philosophie des Idealismus.

4) Aristoteles: Die Welt als empirisch zu untersuchender Ort

Der Philosoph Aristoteles (384 v. Chr. bis 322 v. Chr.) wuchs unter dem Einfluss des Weltbilds von Platon auf. Er entwickelte jedoch schließlich eine völlig eigenständige Philosophie.

Aristoteles wandte sich dagegen, dass die wahre Wirklichkeit nur auf einer transzendenten Ebene zu finden sei. Als Gegenentwurf entwickelte er seine Lehre der Kategorien. Unter den zehn von ihm entwickelten Kategorien war die Substanz eines Gegenstands die primäre Wirklichkeit. Weitere Kategorien wie Qualität, Quantität oder Relation waren abgeleitete Größen, die nur in Zuordnung zur primären Substanz etwas über das Sein des Gegenstands aussagten. Für Aristoteles bestand die Welt somit aus individuellen, voneinander getrennten Substanzen, die bestimmte Eigenschaften mit anderen Substanzen gemein hatten. Indem er die Ideen Platons durch Universalien ersetzte – allgemeine Eigenschaften, die der Geist in der Welt erkennen konnte – stellte er Platons Ansatz der transzendenten Formen eines göttlichen Ordnungsprinzips auf den Kopf.

Aristoteles betonte, dass die Kenntnis der natürlichen Welt in erster Linie auf der Wahrnehmung mit den eigenen fünf Sinnen beruht, was seine Philosophie für viele Menschen zugänglicher machte als den abstrakten Ansatz Platons. Weiterhin integrierte Aristoteles frühere Ansätze der Astronomie in seine Philosophie: Die Erde war darin der unbewegliche Mittelpunkt des Universums, um den sich die Himmelskörper bewegten. Dabei unterschied er zwischen den fünf damals bekannten Planeten und dem Sternenhimmel als Hintergrund. Für die Planeten verwendete er ein Modell konzentrisch um die Erde kreisender Sphären, die zugleich auch eine metaphysische Ordnung repräsentierten.

Das aristotelische Erbe bestand überwiegend aus Logik, Empirismus und Naturwissenschaft. Während in der Antike Platon als der wichtigste Philosoph galt, wandelte sich die Sichtweise im Hochmittelalter grundlegend: Die Philosophie des Aristoteles erwies sich für die wissenschaftliche Forschung des Westens bis zum 17. Jahrhundert als richtungsweisend. Mit René Descartes (1596–1650) und später in der Epoche der Aufklärung (18. Jahrhundert) erhielt der wissenschaftliche und rationale Weltzugang dann noch einmal einen kräftigen Impuls, der bis heute nachwirkt.

5) Vom antiken Griechenland in die Moderne: Weltbilder und Lebensgefühl

In den oben nur ganz kurz angerissenen philosophischen Perspektiven zeigen sich die Wurzeln unseres heutigen Denkens. Während unser wissenschaftlicher Weltzugang vor allem Aristoteles' Geist entspringt, legte Platon das Fundament für ein eher spirituelles Weltverständnis, in dem die eigentliche Wahrheit in einem metaphysischen Bereich hinter der sinnlich wahrnehmbaren Realität verborgen liegt. Auch religiöse Weltbilder bauen auf dem Primat einer geistigen Welt auf.

In unseren heutigen, westlichen Gesellschaften herrscht zwar keines dieser Weltbilder in Reinform vor, der Einfluss religiöser Weltdeutungen ist aber in den letzten Jahrhunderten ganz eindeutig zugunsten eines eher wissenschaftlichen Denkens zurückgedrängt worden. Interessant ist es, darüber zu reflektieren, welche Effekte dies auf unser Wohlbefinden und unser Lebensgefühl hat. Einerseits befreit der streng wissenschaftliche Weltzugang von Aberglaube und religiöser Verblendung, inklusive negativer Aspekte wie Schuldgefühlen und der Angst vor einer Hölle. Wer sich dem Diesseits zuwendet, die materiellen Vorgänge in der Natur studiert und versteht, der kann seine Lebensumwelt bei entsprechender Technik auch manipulieren und zu beherrschen versuchen. Francis Bacon's (1561–1626) Bonmot "Wissen ist Macht" wurde dementsprechend ja auch zu einer stolzen Losung der Aufklärung. Aber vielleicht ist das auch eine gefährliche Losung. In Anbetracht der ökologischen Krisen unserer Zeit fragt man sich, ob der aufgeklärte Mensch es mit seinem Versuch, die Welt zu seinen Zwecken zu beherrschen, nicht maßlos übertrieben hat. Mehr noch: Es stellt sich auch die Frage, ob der moderne Mensch überhaupt noch ein Gespür für den Sinn seines Tuns und für die Schönheit und Ganzheit der Schöpfung hat. Ein diesseitiger und zweckorientierter Weltzugang mag uns viel Freiheit und Macht verleihen, er nimmt der Welt aber auch jegliche Magie. Der Soziologe Max Weber (1864-1920) nannte das "Entzauberung der Welt". Der moderne Mensch, zwar frei und technisch potent, muss sich als ein von allen höheren Anbindungen abgeschnittenes Individuum wahrnehmen, als ein dem Tod geweihtes Wesen ohne Sinn und Zweck in einem kalten, mechanistischen Kosmos. Wenn es überhaupt in der Natur einen Zweck gibt, dann aus wissenschaftlicher Sicht scheinbar nur den, zu überleben und sich fortzupflanzen.

Anhand dieser etwas zugespitzten Darstellung dürfte deutlich geworden sein, wie sehr ein Weltbild das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen bis in sein tiefstes Selbstverständnis hinein prägt. Das fehlende Sinnangebot eines materialistisch-wissenschaftlichen Weltzugangs bei gleichzeitigem Bedeutungsverlust der Kirchen könnte ein Grund dafür sein, dass spirituelle Weltdeutungen in unseren westlichen Gesellschaften immer mehr Anhänger finden. In Zukunft könnte es eine vielversprechende Option sein, Wissenschaft und Spiritualität nicht als gegensätzliche, sondern als komplementäre Zugänge zur Wirklichkeit zu begreifen. Es gibt durchaus schon eine Reihe von Protagonisten aus der Wissenschaft, die diese Kombination nicht nur vor dem Hintergrund des menschlichen Wohlbefindens, sondern auch zur Erlangung von Erkenntnis für fruchtbar halten. In Themenbereich "Philosophie und Wissenschaft" finden Sie entsprechende Ansätze z.B. beim Physiker und Bewusstseinsforscher Thomas Campbell. Viele weitere Forschungsarbeiten, die eine Erweiterung unseres materialistischen Weltbildes um spirituelle Aspekte als sinnvoll ausweisen, finden Sie außerdem im Themenbereich "Bewusstseinsforschung".

6) Weiterführende Informationen und Buchtipps