Themenbereich
Religion, Mythologie und Spiritualität

Die 'Michael-Teachings' und der 'Ra-Kontakt' (7/7)
Polarität, freier Wille und Theodizee


Warum es Leid in der Welt gibt, obschon das Wesen allen Seins laut "Ra" und "Michael" in der Liebe liegt


1) Bösartigkeit als Verkennen von Liebe

Warum verspüren Menschen den Impuls, Böses zu tun? „Michael“ und „Ra“ vertreten diesbezüglich ähnliche Auffassungen wie Platon und viele Religionen. Platon verortete den Ursprung allen Seins im „Guten“. Er hielt Seelen prinzipiell für fähig, das „Gute“ zu erkennen. Voraussetzung dafür sei allerdings eine entsprechende Persönlichkeitsentwicklung. Wer diese Entwicklung nicht vollziehen möchte, werde mangels Einsicht in die wahre Natur des Seins auch nicht im Sinne des „Guten“ handeln können.

Das Motiv des Verkennens oder Ablehnens unseres göttlichen Ursprungs finden wir auch in vielen Religionen wieder. Besonders drastisch äußert es sich in der Erzählung vom gefallenen Engel, der gegen Gott rebellierte und sich infolgedessen zu dessen teuflischen Gegenspieler aufschwang. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass die Bösartigkeit – wie bei Platon – keine eigenen Wurzeln hat, sondern aus der Negation und Trennung von der eigentlichen Essenz allen Seins entsteht, also aus der Lossagung von Gott beziehungsweise der Unkenntnis des „Guten“.

„Ra“ bestätigt diese Sichtweise. Wer sich zum Bösen hingezogen fühlt, beschreitet in seiner Terminologie den Weg dessen, was nicht ist. Ebenso sieht es die „Quelle“ als deutschsprachiges Äquivalent zu den „Michael-Teachings“: „Das Böse ist ein Zustand der Abwesenheit. Böses ist nur dann vorhanden, wenn etwas anderes fehlt. Das Böse ist Abwesenheit von Liebe“. (Hasselmann, Varda; Schmolke, Frank: Welten der Seele, München 1993, S. 61)

Zugleich misst die „Quelle“ dem Bösen aber auch seine Berechtigung bei: „Das Böse als Erfahrung der Abwesenheit von Liebe gehört unverzichtbar zur Entwicklung des Menschen. Denn der Mensch kann Liebe in sich selbst nur erfahren, wenn er das Böse in sich und anderen zulässt. Erst dann hat er die Freiheit, zu wählen. Und wie ihr wisst, ist die Freiheit zu wählen die Essenz von Menschsein und Entwicklung.“ (S. 62)

Wo es nur Liebe gibt, kann Liebe mangels Referenzpunkt nicht als solche erkannt werden. Es braucht die Abwesenheit von Liebe, um zu wissen, was sie in ihrem Wesen ausmacht. Erst dann wird es möglich, Liebe bewusst wahrzunehmen und anzustreben. 

Erinnern wir uns: Der Sinn des Lebens besteht laut „Michael“ und „Ra“ in der Selbsterfahrung des All-Einen, was dessen Differenzierung voraussetzt. Wir als Fragmente des All-Einen stehen vor der Aufgabe, uns im Liebesbewusstsein zu vereinen. Als Menschen auf der physischen Ebene beziehungsweise in der dritten Dichte sind wir von dieser Einheit noch weit entfernt, da wir uns in unserer irdischen Lebensrealität als voneinander getrennte Individuen wahrnehmen. Und genau diese Trennung ist notwendig: Nur die Trennung erlaubt es uns, das Wesen von Einheit nachzuvollziehen. Und so bildet das Böse als Abwesenheit der Liebe zugleich die Voraussetzung dafür, Liebe überhaupt erst begreifen und vollständig erfahren zu können.

Die Herausforderung unserer irdischen Inkarnationen besteht gerade darin, Trennung zu überwinden, indem wir uns bewusst dafür entscheiden, mit anderen Wesen mitzufühlen und zum Wohle aller zu handeln. Dies ist die „Lektion“ der Liebe, die es zu lernen gilt, der wir uns aufgrund unseres freien Willens aber auch verweigern können. Dann verharren wir in unserem Gefühl der Trennung und sorgen uns hauptsächlich um uns selbst. Wir handeln egoistisch und schlimmstenfalls sogar zum Schaden anderer.

2) Die Rolle des Seelenalters

Es liegt auf der Hand, dass den älteren Seelen die Überwindung von Trennung um einiges leichter fallen dürfte als den jüngeren Seelen. Ältere Seelen haben aufgrund der Vielzahl ihrer Inkarnationen schon etliche Male erfahren, in welche Sackgassen egoistisches Verhalten führen kann und wie wertvoll demgegenüber die Verbindung durch Liebe ist. Das ist vergleichbar mit Schülern der Oberstufe, die mehr Wissen angesammelt haben als Schüler der Unterstufe. Die jüngeren Seelen müssen ihre Lektionen erst noch lernen. Eine Gesellschaft, die sich vorwiegend aus jüngeren Seelen zusammensetzt, wird darum stärker von Egoismus, Gier und Konkurrenz geprägt sein als eine Gesellschaft, die von älteren Seelen dominiert wird. Natürlich wäre es völlig verfehlt, die jüngeren Seelen dafür zu verurteilen. Man kann ja auch einem Unterstufenschüler nicht zum Vorwurf machen, dass er den Unterrichtsstoff des Abiturjahres noch nicht beherrscht. Sinnvoller ist es, die jüngeren Seelen in ihrem Lernprozess zu unterstützen.

Das Spannungsfeld zwischen Trennung (Egoismus/Selbstsucht/Angst) und ihrer Überwindung (Liebe/Mitgefühl/Verbindung) berührt laut „Michael“ nahezu jedes unserer Seelenmerkmale, sodass diese entweder zum negativen oder zum positiven Referenzpunkt tendieren können.

Die Seelenrolle des Königs kann man zum Beispiel wie ein selbstherrlicher Tyrann oder wie ein weiser Meister ausfüllen. Und das Entwicklungsziel der Akzeptanz lässt sich entweder durch Anbiederung oder durch Gutmütigkeit verfolgen.

Bei den meisten Menschen erfolgt die Entscheidung für die eine oder die andere Verhaltensweise völlig unbewusst und unreflektiert. Sie ist einfach das Resultat ihres inneren Bewusstseinszustands beziehungsweise ihres seelischen „Schwingungszustands“.

 Dabei ist es weder möglich noch sinnvoll, den negativen Pol gänzlich vermeiden zu wollen:

„Die Spannung, die entsteht, bleibt notwendig. Wer […] den Minuspol nachhaltig zu vermeiden versucht, reduziert die Spannung, die ihm ermöglicht, den Pluspol zu erreichen. Nur solange Energie zwischen diesen beiden Polen hin- und her fließt, ist Lernen möglich, kann sich das Schwingungsfeld eines Individuums erhöhen und bleibt Lebendigkeit erhalten. […] Solange ihr lebt, werdet ihr immer und immer wieder mit dem Minuspol in Berührung kommen – und daraus erst kann die Pendelbewegung zum Pluspol hin entstehen.“ (Hasselmann, Varda; Schmolke, Frank: Archetypen der Seele, München 2010, S. 485f.)

3) Polarisierung als notwendige Bedingung für Entwicklung?

Eine Unterscheidung zwischen negativer und positiver Polarisierung finden wir auch im „Ra-Material“. Dort erfüllt sie den gleichen Zweck wie bei „Michael“: Sie baut eine Spannung auf, die uns ermöglicht, durch „Bewusstseinsarbeit“ die Lektion der Liebe zu lernen: 

Don Elkins: „Dann scheint es ein extremes Potenzial in dieser Polarisierung zu geben, so wie es sie in – um eine Analogie zu verwenden – in Elektrizität gibt: Wir haben einen positiven und [einen] negativen Pol. Je mehr man die Ladung an einem der beiden aufbaut, desto größer ist die Potenzial-Differenz und desto größer die Fähigkeit, Arbeit, wie wir es nennen, im physikalischen Sinn zu leisten. Dies scheint mir der exakte Vergleich zu dem zu sein, was wir hier im Bewusstsein [vorliegen] haben. Ist dies korrekt?” – Ra: „Dies ist präzise korrekt.” (Elkins, Don; McCarty, Jim; Rückert, Carla L.: Der Ra-Kontakt, Oberkrämer 2021, S. 144) 

Den positiven, liebevollen Pol charakterisiert „Ra“ als „Dienst an Anderen”:

„Der beste Weg des Dienstes an Anderen liegt in dem konstanten Versuch, danach zu suchen, die Liebe des Schöpfers zu teilen, wie sie vom inneren Selbst erkannt wird. Dies involviert Selbstkenntnis und die Fähigkeit, das Selbst gegenüber dem anderen Selbst ohne Zögern zu öffnen. Dies beinhaltet, sagen wir, die Ausstrahlung dessen, was die Essenz oder das Herz des Geist-/Körper-/Seele-Komplexes ist.” (S. 128) 

Den negativen Pol bezeichnet „Ra“ als „Dienst am Selbst“. Er wird dann eingeschlagen, „wenn das Wesen [...] bewusst beschließt, Andere-Selbste für den Nutzen des Selbst zu manipulieren.” (S. 143)

Im Unterschied zu „Michael“ betont „Ra“ die Notwendigkeit, sich im Laufe seiner menschlichen Inkarnationen für einen der beiden Pole entscheiden zu müssen, um seinen Weg in die nächsthöheren Dichten fortsetzen zu können. Nur wer sich im Laufe seiner vielen Inkarnationen eindeutig in Richtung „Dienst an Anderen“ (Liebe) oder „Dienst am Selbst“ (Egoismus) polarisiert hat, wird den menschlichen Reinkarnationskreislauf der dritten Dichte verlassen.

Das klingt zunächst einmal seltsam, denn war es nicht das Ziel der Menschheitserfahrung im Übergang von der dritten zur vierten Dichte, die Lektion der Liebe zu lernen? Wieso qualifiziert das genaue Gegenteil dann trotzdem für die nächsthöhere Erfahrungsebene? Offenbar scheint die Spannung zwischen Egoismus und Liebe auch in den höheren Dichten erforderlich zu sein, um Arbeit im Bewusstsein zu ermöglichen. Dann aber sind „höhere“ Wesen nicht ausnahmslos gut und liebevoll.

Tatsächlich gibt es laut „Ra“ auch nichtphysische Wesen, die wegen ihrer negativen Polarisierung nach Macht durch Unterdrückung streben. Und genauso wie uns die positiv polarisierten Kollektivwesen helfen, ein liebevolles Einheitsbewusstsein zu erlangen, versuchen die negativ orientierten Wesen, uns vom Einheitsgedanken abzubringen. Zu diesem Zweck unterstützen sie irdische Institutionen, die Trennung, Unterwerfung und Manipulation bewirken. Als ein historisches Beispiel dafür nennt „Ra“ die Übermittlung der 10 Gebote an Moses:

„Der Ursprung dieser Gebote folgt dem Gesetz negativer Wesen, die Informationen auf positiv orientierte Geist-/Körper-/Seele-Komplexe eindrücken. Die Information versuchte, Positivität zu kopieren oder nachzuahmen, während sie ihre negativen Eigenschaften behielt. […] Der Zweck der [negativen Wesen] ist, wie zuvor erwähnt, zu erobern und zu versklaven. Dies wird durch Finden und Etablieren einer Elite erreicht und indem andere dazu gebracht werden, der Elite durch verschiedene Mittel zu dienen, wie die Gesetze, die du erwähnst […].“ – Don Elkins: „Es wäre untypisch für ein Wesen, das sich des Wissens des Gesetzes des Einen vollständig bewusst ist, zu sagen ‚Du sollst nicht.‘ Ist das korrekt?“ – Ra: „Dies ist korrekt.“ (S. 112f.)

Was „Ra“ als negativ polarisierte Wesen beschreibt, firmiert in diversen Religionen und Mythologien unter dem Etikett „Dämonen“. Sollte es diese bösartigen Geistwesen tatsächlich geben, dann dürfte so manche Offenbarung der Religionsgeschichte ein Manipulationsversuch gewesen sein.

Das beste Kriterium, um die wahrhaftigen von den manipulativen Botschaften zu unterscheiden, läge dann im Grad des darin enthaltenen Liebesbewusstseins. Bei denjenigen religiösen Konzepten, die Trennung, Angst und Unterwerfung fordern, kann es – sofern man das „Ra-Material“ beziehungsweise die „Michael-Teachings“ als validen Beurteilungsmaßstab anerkennen möchte – mit der Wahrhaftigkeit nicht so weit her sein.

Schwer vorstellbar ist indessen, wie Wesen, die zum „Dienst am Selbst“ polarisiert sind, in höheren Dichtestufen als Kollektivwesen funktionieren können. Wenn jedes dieser Wesen nur seinen eigenen Erfolg im Sinn hat, wie können diese Wesen dann einen „sozialen Erinnerungskomplex“ bilden, also eine gemeinsame Verbindung eingehen, wie sie für Seelen auf ihrem Weg zur Einheitserfahrung typisch ist? „Ra“ erklärt dies mit einer Analogie:

„In euren bewaffneten Banden marodiert und plündert eine große Gruppe erfolgreich. Der Erfolg der Gefreiten wird von den Unteroffizieren beansprucht, der Erfolg der Unteroffiziere von den Feldwebeln, dann die Leutnante, Hauptmänner, Majore und schließlich der kommandierende General.“ (Elkins, Don; McCarty, Jim; Rückert, Carla L.: Der Ra-Kontakt, Oberkrämer 2021, S. 548)  

Der Zusammenhalt negativ orientierter Wesen beruht demnach auf einer hierarchischen Struktur, die nicht durch liebevollen Konsens, sondern durch Autorität und Gehorsam hergestellt wird.

Wenn einzelne oder neu hinzustoßende Mitglieder das bestehende Machtgefüge infrage stellen und es zu ihren Gunsten verändern wollen, wird der Zusammenhalt auf die Probe gestellt:

„Die sogenannte Hackordnung wird sofort herausgefordert und das Wesen mit gesteigerter Kraft übt diese Kraft aus, um mehr Andere-Selbste zu kontrollieren und innerhalb der Struktur des sozialen Erinnerungskomplex voranzukommen.“ (Elkins, Don; McCarty, Jim; Rückert, Carla L.: Der Ra-Kontakt, Oberkrämer 2021, S. 549)

Erreichen negative Kollektivwesen schließlich die fünfte Dichte, intensiviert sich die Beschäftigung mit dem eigenen Selbst. Zugleich steigert sich der Grad der Getrenntheit:

„Das sogenannte negative Dienst-am-Selbst-Wesen ist in dieser Dichte auf einem hohen Niveau an Bewusstheit und Weisheit und hat Aktivität außer durch Denken eingestellt. Das fünfte Dichte-Negative ist außerordentlich zusammengepresst und von allem anderen getrennt. [...] In der negativen fünften Dichte ist der Dienst am Selbst extrem intensiv geworden, und das Selbst ist geschrumpft oder hat sich verdichtet.” (Elkins, Don; McCarty, Jim; Rückert, Carla L.: Der Ra-Kontakt, Oberkrämer 2021, S. 298)

Weil Trennung letztlich immer nur Illusion bleibt und im Rahmen einer „Oktave“ alles auf die Integration ins All-Eine hinausläuft, muss die Polarisierung zum „Dienst am Selbst“ irgendwann aufgegeben werden. Laut „Ra“ geschieht das zu Beginn der sechsten Dichte: 

„Diese negativ orientierten Geist/Körper/Seele-Komplexe haben ein Problem, das unseres Wissens nach nie überwunden wurde [...]. Liebe/Licht ist sehr, sehr schwierig zu erreichen, wenn man den negativen Pfad geht, und während des frühen Teils der sechsten Dichte entscheiden sich Gesellschaftskomplexe einer negativen Orientierung dazu, das Potenzial loszulassen und in die positive sechste Dichte zu springen.” (S. 241) 

Und so schließt sich am Ende der Kreis: Die Abzweigung, die Wesen mit Orientierung zum „Dienst am Selbst” in der dritten Dichte genommen hatten (Weg dessen, was nicht ist), führt kurz vor dem Ziel wieder auf die Hauptstraße zurück (Weg dessen, was ist). Unklar bleibt aus unserer Sicht nur, wie das Bild der Abzweigung (Polarisierung) zum Gesetz des Karma (Ausgleich) passt. Wer andere lieblos behandelt, wird laut „Ra” karmisch involviert. Wer das aufgrund seiner negativen Polarisierung permanent tut, verstrickt sich logischerweise in immer größere karmische Bande. Wie kann aber jemand, der konsequent die „Täterrolle” spielt, die Folgen seines Handelns im Sinne eines Ausgleichs am eigenen Leib erfahren, um daraus zu lernen? Greift das Prinzip des Karma etwa nicht mehr, sobald man sich eindeutig polarisiert hat? Oder nimmt man die anwachsende karmische Aufladung einfach nur in die höheren Dichtestufen mit, bis schließlich ein Weisheitsniveau erreicht wird, das es erlaubt, die Folgen des eigenen Handelns auch auf einer reinen Bewusstseinsebene ausreichend intensiv nachvollziehen zu können? Würde somit ein Ausgleichen des Karma im Geiste möglich, das sich vielleicht im Moment des Umschwungs zum „Dienst an Anderen” in der sechsten Dichte vollzieht? Leider konnten wir auf diese Fragen in der knapp 700 Seiten umfassenden Gesamtausgabe des „Ra-Kontakts” keine Antworten finden.

Abgesehen von Detailfragen wie diesen sind die Überschneidungen zwischen dem „Ra-Material“ und den „Michael-Teachings“ insgesamt sehr groß. Beide decken sich zudem mit der kosmologischen Kernbehauptung, die wir in vielen Religionen und Mythologien, beim Philosophen Platon und zum Teil auch beim Physiker Thomas Campbell vorfinden: Das materielle Universum ist kein sinnloses Zufallsprodukt aus dem Nichts, sondern die zweckvolle Schöpfung eines einheitlichen, allumfassenden Geistes, der den Ausgangspunkt und den Zielpunkt allen Daseins bildet. Oder um es mit den Abschlussworten von „Ra“ auszudrücken:

„Wir schlagen vor, dass die Natur aller Manifestationen illusorisch und nur insofern funktional ist, wie sich das Wesen von Form und Schatten dem Einen zuwendet.“ (S. 672)

4) Weiterführende Informationen und Buchtipps