Rätselhaft und nur aus der Luft erkennbar: Warum die Bedeutung und die Urheber der berühmten Nazca-Linien nach wie vor unklar sind
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Viele Forscher vermuten, dass die Linien für Zeremonien oder Prozessionen genutzt wurden, möglicherweise um Götter oder Naturkräfte wie Regen anzurufen. Einige Linien und Figuren könnten zudem astronomische Funktionen gehabt haben, etwa als Sonnen-, Stern- oder Planetenkalender. Darüber hinaus könnten die Geoglyphen soziale Zusammengehörigkeit symbolisiert oder als Marker für wichtige Wasserquellen und landwirtschaftlich genutzte Gebiete gedient haben. Klassische Archäologen betrachten die Nazca-Linien also als kulturelles Erbe einer hochentwickelten Gesellschaft mit tiefem Wissen über Umwelt, Geometrie und Astronomie. Eindeutige Belege gibt es dafür freilich nicht, weil keine gesicherten Quellen existieren und alle Deutungen notwendigerweise spekulativ bleiben müssen.
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Offenbar wurde die oberste, rötlich-braune Sandschicht der Wüste abgekratzt, sodass die darunter liegende hellere Erdschicht sichtbar wurde. Dadurch entstanden klare, langlebige Kontraste, die über Jahrhunderte hinweg kaum verwitterten. So weit so einfach. Schwerer zu erklären ist die Präzision der Figuren, zumal sie erst aus der Luft vollständig zu erkennen sind. Manche der Tier- und Menschenfiguren erstrecken sich über Hunderte von Metern und die einzelnen Linien sind oft mehrere Meter breit. Archäologen gehen davon aus, dass die Erbauer einfache Werkzeuge wie Seile, Pflöcke und Holzstangen nutzten, um die Linien zu markieren und gerade Strecken zu ziehen. Um die hohe Präzision zu erreichen, arbeiteten die Künstler gemäß der Vorstellung von Archäologen mit maßstabsgetreuen Vorzeichnungen, die sie mit geometrischen Prinzipien wie Raster, Seilspannen und Schrittzählung auf die riesige Fläche übertrugen. Auf diese Weise konnten sie demnach die komplexen Figuren exakt proportional anlegen, ohne jemals eine direkte Luftperspektive gehabt zu haben.
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Die Nazca-Linien werden traditionell der sogenannten Nasca-Kultur zugeschrieben, einer präkolumbischen Gesellschaft, die in der Küstenwüste Südperus lebte. Sie existierte ungefähr von 200 v. Chr. bis 600 n. Chr. und ist für ihre Keramik und Bewässerungssysteme bekannt. Die Nasca-Kultur entwickelte komplexe landwirtschaftliche Techniken wie unterirdische Wasserkanäle (Puquios). Sie war also offenbar in der Lage, große Gemeinschaftsprojekte zu organisieren – Eigenschaften, die den Bau der Geoglyphen auf den ersten Blick plausibel machen.
Dennoch gilt die Nasca-Kultur mangels direkter Quellen nicht mit absoluter Sicherheit als Erbauer der Linien. Die Zuschreibung basiert allein auf Indizien: Datierungen der Linien mit radiometrischen Methoden, Stilvergleiche mit Keramikfunden und die geografische Übereinstimmung mit dem Siedlungsgebiet der Nasca-Kultur.
6:25 Minuten, deutsch
In dieser Reportage werden die neuesten archäologischen Erkenntnisse zu den Nazca-Linien vorgestellt - und zugleich etwas süffisant die These von "Ancient Aliens"-Theoretikern ins Lächerliche gezogen.
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Ansonsten stützen sich Spekulationen dieser Art - ähnlich wie bei anderen archäologischen Funden wie den Pyramiden von Gizeh oder den Mauern von Sacsayhuamán - auf die mangelde Quellenlage sowie auf den Umstand, dass man den Kulturen, denen solch monumentale Anlagen zugeschrieben werden, die entsprechenden technischen Fähigkeiten nicht zutraut.
Unserer Einschätzung nach wirken die Nazca-Linien in dieser Hinsicht weit weniger erstaunlich als die große Pyramide oder die Mauern von Sacsayhuamán. In einem Zeitraum von 800 Jahren mit recht einfachen Mitteln und mathematischen Kenntnissen Linien in die Wüste einzutragen, scheint auf den ersten Blick deutlich einfacher, als in nur 20 bis 30 Jahren eine Pyramide aus 2,3 Millionen tonnenschweren Steinquadern aufzutürmen.
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Eine besondere Herausforderung bei der Herstellung der Nazca-Linien war vermutlich die präzise Planung und Maßstabserhaltung über riesige Flächen. Viele Figuren erstrecken sich über mehrere hundert Meter, manche Linien über dutzende Kilometer.
Eine weitere Herausforderung liefert das hügelige und unregelmäßige Gelände. Zwar liegen die Linien überwiegend auf der Pampa, die relativ eben ist, aber selbst kleine Hügel, Senken oder unregelmäßige Bodenformen stellten ein enormes Problem dar. Um eine Linie optisch gerade und proportional zu halten, mussten die Erbauer Höhenunterschiede abschätzen und kompensieren.
Sollte die Nasca-Kultur die Linien erschaffen haben, hätte sie außerdem die Logistik und die Versorgung der Arbeitskräfte meistern müssen, was durch die harte Wüstenumgebung extrem erschwert wurde. Wasser, Nahrung, Werkzeuge und Schutz vor den Temperaturschwankungen mussten über lange Zeiträume bereitgestellt werden.
Insofern halten auch die Nazca-Linien noch einige ungelöste Rätsel bereit. Abschließend haben wir beispielhaft eine alternative Hypothese verlinkt, die Archäologen freilich als pseudowissenschaftlich ablehnen würden.
12:11 Minuten, englisch
Der bekannte "Ancient Alien"-Theoretiker Erich von Däniken (1935-2026) behauptet in diesem Video, einige besonders gerade und lange Linien seien außerirdischen Ursprungs, während es sich bei vielen anderen Linien bzw. Figuren nur um vergleichsweise primitive Nachahmungen der einheimischen Bevölkerung handele. Dabei stützt er sich auf Bilder von scheinbar abgeschnittenen Hügeln mit einer landebahnähnlich angelegten Fläche sowie auf elektrische Messungen. Bei eigenen Recherchen konnten wir keine unabhängigen Bestätigungen der Messungen finden, wohl aber eine Bestätigung des Bildes vom "abgetragenen" wirkenden Hügel mit der Struktur, die einer Landebahn gleicht. Diese Struktur wird von Archäologen unter der Bezeichnung "PAP 379" katalogisiert und ist unten noch einmal separat abgebildet:
https://www.researchgate.net/figure/Map-of-site-PAP-379-to-the-south-of-Palpa-with-a-central-trapezoid-and-various-lateral_fig2_228783609